Träume in Zeiten des Corona-Virus

Wie sich SARS-CoV-2, wirtschaftliche Sorgen und Lockdowns auf Schlaf und Träume auswirken

von Robert Riedl, Psychotherapeut

Krisenzeiten gehen vielen Menschen nicht nur tagsüber nahe. Sie wirken oft auch in der Nacht weiter: im Schlaf, in Träumen, in Albträumen oder in unruhigem Erwachen. Während der Corona-Pandemie berichteten viele Menschen von schlechterem Schlaf, intensiveren Träumen und mehr Angstträumen.

Das ist gut nachvollziehbar. Eine Pandemie verändert den Alltag, verunsichert Beziehungen, Arbeit, Familie und Zukunftspläne. Was uns innerlich beschäftigt, kann im Traum in Bildern, Szenen und Gefühlen wieder auftauchen. Träume sind dabei keine einfachen Vorhersagen und keine geheimen Botschaften, die nur „richtig“ entschlüsselt werden müssten. Sie können aber Hinweise darauf geben, welche Themen, Gefühle und inneren Spannungen gerade besonders wirksam sind.

Warum werden Träume in Krisenzeiten intensiver?

In der Schlaf- und Traumforschung gibt es verschiedene Erklärungsmodelle dafür, wie und warum wir träumen. Grundsätzlich kann man Träume als sinnliches Ergebnis unserer neuronalen Netzwerke verstehen, die besonders im REM-Schlaf aktiv werden. Dieses neuronale „Feuerwerk“ im Gehirn unterstützt Merk-, Lern- und Verarbeitungsprozesse.

Da wir etwa ein Viertel bis ein Drittel unseres Lebens schlafend verbringen, brachte es evolutionär vermutlich einen großen Vorteil, den Schlaf auch zur Verarbeitung von Erlebtem zu nutzen. Was tagsüber emotional, sozial oder körperlich bedeutsam war, kann nachts weiterverarbeitet werden. Dabei entstehen oft sonderbare Traumszenen, groteske Traumbilder und absurde Traumgedanken, an die wir uns manchmal erinnern.

Ein Traum ist also immer auch ein Produkt unseres aktuellen Erlebens. Damit ist er eine psychische Verarbeitungsstrategie. Krisenhafte Zeiten wirken sich besonders stark auf Denken, Fühlen und Handeln aus. Die Corona-Pandemie, ihre wirtschaftlichen Folgen und der Lockdown haben bei vielen Menschen Alltag, Beziehungen, Arbeit, Schule und persönliche Sicherheit verändert. Daher ist es nicht überraschend, dass diese Belastungen auch im Traum auftauchen.

Warum träumen Menschen in einer Pandemie von Tod, Nähe, Grenzen und überfüllten Orten?

Eine finnische Studie der Universität Helsinki zeigte, dass Menschen, die während der Corona-Zeit schlecht schliefen, häufig von Themen wie Tod, Nähe, Maßnahmen zur Eindämmung des Virus, überfüllten Orten oder geschlossenen Grenzen träumten. Solche Trauminhalte zeigen nicht automatisch eine bestimmte „Traumbedeutung“. Sie weisen aber darauf hin, welche Sorgen und Konflikte viele Menschen damals stark beschäftigten.

Der Virus verfolgte Menschen gewissermaßen bis in den Schlaf. Es kam nicht nur zu einer Häufung von Albträumen; auch der Schlafrhythmus veränderte sich bei vielen. Beides hängt eng mit Stress zusammen. In gesellschaftlichen oder persönlichen Krisenzeiten steigt das Stresserleben erwartungsgemäß an.

Stresshormone sollen uns in Notfallsituationen leistungsfähig machen: kämpfen, flüchten, handeln, schützen. Bereits vor SARS-CoV-2 fühlten sich viele Menschen beruflich oder privat stark belastet. Die Coronavirus-Krise hat dieses Gefühl für viele verstärkt, besonders für arbeitende Eltern, erwerbstätige Mütter und Alleinerziehende.

Auch ein Anstieg von Ängsten ist in solchen Zeiten normal. Angst ist eine lebenswichtige Emotion. Sie versucht, uns vor Gefahren und Bedrohungen zu schützen. Angst- und Albträume können unsere Aufmerksamkeit auf aktuelle Gefahren lenken. In Zeiten des Corona-Virus waren solche Bedrohungen zum Beispiel Tod durch Infektion, Ansteckung durch körperliche Nähe, überfüllte Orte, geschlossene Grenzen, Quarantäne, Einschränkungen und wirtschaftliche Folgen.

Wie entstehen Albträume?

Beim Träumen aktivieren sich immer auch unbewusste Prozesse. Wer Angst- oder Albträume erlebt, kann deshalb nicht einfach beschließen: „Ich will ab jetzt nur noch schöne Träume haben.“ Mit Willenskraft sind unbewusste Vorgänge nicht direkt steuerbar.

Aufschlussreich ist unsere Alltagssprache: „Es geht nicht.“ „Es gelingt nicht.“ „Es passiert einfach.“ Etwas in uns scheint stärker zu sein als Verstand und Wille. In der Psychotherapie kann man zwischen einer bewussten „Ich-Seite“ und einer unbewussten „Es-Seite“ unterscheiden. Die Ich-Seite entscheidet, plant und versucht willentlich Einfluss zu nehmen. Die Es-Seite steht für unwillkürliche Prozesse: körperliche Reaktionen, innere Bilder, Gefühle, Träume, Symptome oder automatische Verhaltensmuster.

Diese unbewussten Vorgänge lassen sich nicht einfach befehlen. Man kann aber indirekt auf sie einwirken. Genau hier setzen viele psychotherapeutische Methoden an: über Sprache, innere Bilder, Imaginationen, Entspannung, Körperwahrnehmung, neue Bedeutungen und konkrete Handlungsschritte.

Kann man etwas gegen Albträume tun?

Ja, man kann lernen, besser mit Albträumen umzugehen. Nicht immer verschwinden sie sofort. Aber sie können oft verstanden, entschärft und in einen hilfreicheren inneren Zusammenhang gebracht werden.

Imaginationen, also bewusst eingesetzte innere Bilder, können unangenehme Gefühlszustände verändern. Es ist ein wenig so, als ob man innerlich an einen wohltuenden Ort reist, dessen Atmosphäre beruhigend wirkt. Auch Entspannungsmethoden wie Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung können dabei helfen, den Körper in Richtung Tiefenentspannung zu führen.

Eine weitere Möglichkeit ist das sogenannte Klarträumen oder luzide Träumen. Dabei weiß die träumende Person im Traum, dass sie träumt. Manche Menschen können dann das Traumgeschehen mitgestalten. Viele kennen diese Erfahrung zumindest ansatzweise: Plötzlich merkt man im Traum, dass man träumt, und gewinnt dadurch etwas mehr Einfluss.

Kann luzides Träumen gegen schlechte Träume helfen?

Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, dass Menschen durch luzides Träumen Einfluss auf schlechte Träume oder wiederkehrende Albträume nehmen konnten. Im Prinzip kann das Klarträumen jeder Mensch erlernen. In der Regel braucht es aber Geduld, Übung und eine Technik, die zur eigenen Persönlichkeit passt.

Für Menschen, die unter Albträumen leiden, kann luzides Träumen hilfreich sein, etwa um sich einem wiederholten Albtraum bewusst zu entziehen oder eine belastende Traumsituation innerlich anders zu bewältigen. Es gibt verschiedene Methoden, mit denen man Klarträumen trainieren kann. Welche Methode am besten passt, hängt von individuellen Stärken, Gewohnheiten und Schlafmustern ab.

Wer darunter stark leidet, sollte luzides Träumen jedoch nicht als alleinige Lösung betrachten. Wiederkehrende Albträume können mit Stress, Trauma, Angst, Depression oder anderen Belastungen zusammenhängen. Dann kann eine psychotherapeutische Begleitung sinnvoll sein.

Wie arbeitet Psychotherapie mit Albträumen?

In der psychotherapeutischen Arbeit geht es nicht darum, einen Traum von außen „richtig“ zu deuten. Als Systemischer Psychotherapeut arbeite ich eher dialogisch: Was zeigt sich im Traum? Welche Gefühle treten auf? Welche Bilder wiederholen sich? Welche Beziehungsmuster, Schutzbedürfnisse, Grenzen oder Konflikte könnten sichtbar werden?

Aus den Problembildern eines Albtraumes können gemeinsam Lösungsbilder entwickelt werden. Dabei werden Fähigkeiten und Ressourcen aktiviert. Solche kognitiven und emotionalen Lösungsbilder können vor dem Einschlafen oder nach dem Aufwachen genutzt werden, um auf das innere Erleben hilfreicher einzuwirken.

Träume erfüllen – ähnlich wie Gefühle – bestimmte Funktionen. Sie können Schutzbedürfnisse ausdrücken, Grenzen anzeigen, Verbundenheit suchen oder Autonomie und Unabhängigkeit thematisieren. Aus psychotherapeutischer Sicht ist nicht alles, was unwillkürlich in uns auftaucht, zufällig. Entscheidend ist aber nicht eine endgültige Deutung, sondern die Frage: Was kann aus diesem inneren Bild für das Wachleben hilfreich werden?

Träume als innere Bilder für Veränderung

Therapeutische Traumarbeit ist mehr als die Kunst, einen traumhaften Bewusstseinsrausch möglichst lebensnah zu interpretieren. Jeder Nachttraum kann vitale Kompetenzen berühren, die auch im Wachleben genutzt werden können – besonders in krisenhaften Lebensabschnitten.

Wir nützen unser visionäres Vorstellungsvermögen, um mentale und emotionale Anker zu schaffen: Zukunftsbilder, die uns innerlich anziehen und eine Richtung geben. Gerade wenn Angst, Depression, Stress oder Erschöpfung den Blick verengen, können solche inneren Bilder wieder Bewegung ermöglichen.

In meiner Übung „Meine Reise ins Wunder“ gebe ich dazu eine konkrete Video-Anleitung. Man setzt oder legt sich bequem hin, schließt die Augen und folgt den Anweisungen. Ziel ist es, Selbstvertrauen zu stärken und mehr Zuversicht für Veränderungsabsichten zu entwickeln. Daraus können erste Ideen für hilfreiche Schritte entstehen.

Was hilft bei belastenden Träumen konkret?

Wenn schlechte Träume oder Albträume wiederholt auftreten, können folgende Schritte hilfreich sein:

  • Den Traum kurz notieren: Nicht jedes Detail ist wichtig. Oft genügt es, zentrale Bilder, Gefühle und Situationen festzuhalten.
  • Das Hauptgefühl benennen: Angst, Hilflosigkeit, Wut, Trauer, Scham, Einsamkeit oder Überforderung?
  • Das Bedürfnis dahinter suchen: Schutz, Nähe, Abstand, Kontrolle, Ruhe, Orientierung, Sicherheit?
  • Ein Lösungsbild entwickeln: Was hätte im Traum helfen können? Wer oder was hätte Schutz, Abstand oder Handlungsmöglichkeit gebracht?
  • Vor dem Einschlafen beruhigen: Atemübungen, Entspannung, ein sicherer innerer Ort oder ein kurzer positiver Tagesabschluss können den Schlaf unterstützen.
  • Bei starker Belastung Hilfe suchen: Wenn Albträume häufig auftreten, Schlaf stark beeinträchtigen oder mit Trauma, Angst oder Depression verbunden sind, ist ein Erstgespräch sinnvoll.

Wann ist ein Erstgespräch sinnvoll?

Ein Erstgespräch ist sinnvoll, wenn schlechte Träume, Albträume oder Schlafprobleme über längere Zeit belasten, wenn Sie sich tagsüber erschöpft, angespannt oder ängstlich fühlen oder wenn Träume mit belastenden Erinnerungen, Depression, Stress, Trauma oder starken Zukunftssorgen verbunden sind.

Auch dann, wenn Sie nicht genau wissen, ob Ihre Beschwerden „schlimm genug“ für Psychotherapie sind, kann ein Erstgespräch hilfreich sein. Wir können gemeinsam klären, was Sie belastet, welche Muster sich zeigen und welche Form der Unterstützung für Sie passend erscheint.


Kontakt & Erstgespräch

Termin online buchen

Telefon/SMS/Signal: 0676 730 37 89

E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Praxis: Ruckerlberggürtel 13 (2. Stock, Tür 6), 8010 Graz


DIE HÄUFIGSTEN FRAGEN VOR DEM ERSTGESPRÄCH

DIE HÄUFIGSTEN FRAGEN WÄHREND EINER PSYCHOTHERAPIE

DIE HÄUFIGSTEN FRAGEN NACH PSYCHOTHERAPIE

 
 
Zum Seitenanfang