Angststörungen, Panikattacken und Phobien – im Video erklärt

von Robert Riedl, Psychotherapeut

Angst ist eine lebenswichtige Schutzreaktion. Sie warnt uns vor Gefahr, macht aufmerksam und bereitet den Körper darauf vor, zu reagieren. Belastend wird Angst dann, wenn sie zu häufig, zu stark oder scheinbar ohne passenden Anlass auftritt.

Viele Menschen erleben Angst nicht nur als Gefühl, sondern auch körperlich: Herzrasen, Atemnot, Schwindel, Engegefühl, Schwitzen, Zittern, innere Unruhe oder das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren.

Die folgenden Videos erklären verständlich, wie Angst, Phobien und Panikattacken entstehen können – und wie Psychotherapie helfen kann, den eigenen Angstkreislauf besser zu verstehen und schrittweise zu unterbrechen.

Lehrvideos: Angst, Phobien und Panikattacken verstehen

Die Videos geben eine erste Orientierung. Sie ersetzen keine persönliche Diagnose und keine Psychotherapie, können aber helfen, Angstreaktionen besser einzuordnen.

Video 1: Angststörungen, Phobien und Panikattacken

Video 2: Angst besser verstehen und bewältigen

Wie entstehen Ängste?

Angst ist ein emotionaler Alarmmodus. Sie soll uns schützen – unabhängig davon, ob eine Gefahr tatsächlich besteht oder nur innerlich als Gefahr erlebt wird.

Ein einfaches Beispiel: Wenn wir einen Horrorfilm sehen, wissen wir, dass die Szene nicht real ist. Trotzdem erschrecken wir. Der Körper reagiert, als wäre die Gefahr tatsächlich da.

Bei Angst zeigt sich oft ein innerer Konflikt: Der Verstand sagt vielleicht „Es ist nichts Gefährliches los“, aber der Körper reagiert trotzdem mit Alarm. Viele Betroffene sagen dann: „Ich weiß, dass eigentlich nichts passieren müsste – aber es fühlt sich trotzdem bedrohlich an.“

In solchen Momenten übernehmen unbewusste Prozesse die Führung. Willenskraft allein reicht dann oft nicht aus. Psychotherapie kann helfen, diese inneren Prozesse besser zu verstehen und wieder mehr Einfluss auf den eigenen Angstkreislauf zu gewinnen.

Angst, Panik und Sorgen: Wo liegt der Unterschied?

Angst wird im Alltag oft als ein einziges Gefühl beschrieben. Therapeutisch ist es hilfreicher, zwischen Angst, Panik und Sorgen zu unterscheiden.

  • Angst und Furcht beziehen sich häufig auf Erfahrungen aus der Vergangenheit. Unangenehme oder belastende Erlebnisse können dazu führen, dass ähnliche Situationen später wieder Angst auslösen.
  • Panik ist eine besonders starke Angstreaktion. Sie tritt oft plötzlich auf und kann körperlich sehr bedrohlich wirken – etwa durch Herzrasen, Atemnot, Schwindel oder das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren.
  • Sorgen und Befürchtungen richten sich stärker auf die Zukunft. Es geht um Gedanken wie: „Was wäre, wenn…?“ oder „Was passiert, wenn ich das nicht schaffe?“

Diese Unterscheidung ist wichtig, weil nicht jede Form von Angst gleich verstanden und behandelt werden muss. Panik, Sorgen, soziale Angst oder bestimmte Phobien brauchen unterschiedliche therapeutische Zugänge.

Auf welchen Ebenen zeigt sich Angst?

Angst wird meist auf mehreren Ebenen gleichzeitig erlebt. Genau deshalb fühlt sie sich oft so überwältigend an.

Vier Ebenen der Angst sind besonders wichtig:

  1. Gefühle: Enge, Druck, Benommenheit, Stress, Überforderung oder Bedrohung.
  2. Gedanken: Katastrophengedanken wie „Ich werde verrückt“, „Ich sterbe“, „Ich halte das nicht aus“ oder „Was wäre, wenn…?“
  3. Körper: Atemnot, Herzrasen, Schwitzen, Zittern, Schwindel, Magenbeschwerden, Muskelanspannung oder Druckgefühl.
  4. Verhalten: Flucht, Vermeidung, Erstarren, Rückzug, Kontrolle, Sicherheitsverhalten oder ständiges Beobachten des eigenen Körpers.

Therapeutisch spricht man häufig vom Angstkreis, von der Angstspirale oder vom Teufelskreis der Angst. Körperliche Symptome, Angstgedanken und Vermeidungsverhalten können sich gegenseitig verstärken.

Wenn das innere Alarmsystem durch Dauerstress, Depression, belastende Erfahrungen oder Überforderung empfindlicher wird, kann Angst schneller und stärker auftreten. Dann reagiert der Körper, obwohl objektiv keine unmittelbare Gefahr besteht.

Welche Formen von Angststörungen gibt es?

In der Psychotherapie und Psychiatrie werden unterschiedliche Formen von Angst und verwandten Belastungen unterschieden. Eine genaue Diagnose muss nicht vor einem Erstgespräch feststehen. Sie kann aber helfen, die Beschwerden besser einzuordnen.

Häufige Formen sind:

  1. Generalisierte Angststörung: Betroffene machen sich über längere Zeit über viele verschiedene Dinge große Sorgen. Häufig geht es um Gesundheit, Angehörige, Arbeit, Zukunft oder mögliche Gefahren.
  2. Phobien: Das sind starke Ängste vor bestimmten Situationen, Orten, Tieren oder Erfahrungen – etwa Flugangst, Zahnarztangst, Angst vor Spinnen, Höhenangst, Klaustrophobie oder Agoraphobie.
  3. Soziale Angst: Hier steht die Angst im Vordergrund, kritisiert, bewertet, beschämt oder bloßgestellt zu werden. Das kann Gespräche, Essen in der Öffentlichkeit, berufliche Situationen oder Smalltalk betreffen.
  4. Panikstörung: Wiederholte Panikattacken treten scheinbar plötzlich auf. Häufig entsteht danach Angst vor der nächsten Panikattacke.
  5. Posttraumatische Belastungsreaktionen: Nach einem extrem belastenden Ereignis können Angst, innere Anspannung, Vermeidung, Wiedererleben und Übererregung auftreten.
  6. Zwangsstörungen: Zwänge haben eine Sonderstellung. Häufig dienen zwanghafte Handlungen wie Waschen, Kontrollieren oder Wiederholen dazu, Angst kurzfristig zu verringern.

Wichtig ist: Auch wenn Angst sehr mächtig wirkt, bedeutet sie nicht, dass Sie schwach sind. Angst ist ein Schutzsystem, das zu stark oder zu häufig anspringt.

Kann man Angst wieder verlernen?

Viele Ängste werden im Laufe des Lebens erlernt. Das kann durch eigene unangenehme Erfahrungen geschehen, durch Nachahmung, durch familiäre Muster oder durch wiederholte Vermeidung.

Wenn das Gehirn gelernt hat, bestimmte Situationen als gefährlich einzustufen, reagiert es später schneller mit Alarm. Die gute Nachricht ist: Was gelernt wurde, kann oft auch wieder verändert werden.

Das bedeutet aber nicht, dass Angst einfach „weggeredet“ werden kann. In der Angsttherapie ist es meist notwendig, sich angstauslösenden Situationen schrittweise wieder anzunähern. Entscheidend ist dabei das richtige Maß.

Als Therapeut achte ich darauf, dass solche Schritte gut dosiert und gut vorbereitet werden. Es geht nicht darum, jemanden zu überfordern. Es geht darum, neue Erfahrungen zu ermöglichen: Ich kann mit Angst umgehen. Ich bin ihr nicht ausgeliefert.

Wie lässt sich der Angstkreis therapeutisch unterbrechen?

Um Angstreaktionen zu verändern, ist es hilfreich, auf mehreren Ebenen anzusetzen. Dadurch entsteht mehr Handlungsspielraum.

Therapeutisch kann gearbeitet werden an:

  1. Angstgefühlen: Gefühle wahrnehmen, benennen und einordnen, statt sie sofort zu bekämpfen.
  2. Angstgedanken: Katastrophengedanken erkennen, überprüfen und durch hilfreichere Bewertungen ergänzen.
  3. Körperlichen Reaktionen: Atem, Muskelspannung, Orientierung im Raum und Selbstberuhigung bewusst nutzen.
  4. Verhalten: Vermeidung, Flucht, Erstarren oder Sicherheitsverhalten schrittweise verändern.

In der Therapie können verschiedene Methoden eingesetzt werden: Imaginationen, innere Bilder, Atemtechniken, Körperübungen, neue Bewertungen, konkrete Alltagsschritte und die Entwicklung neuer Verhaltensmuster.

Fachlich spricht man hier auch von Selbstregulation. Gemeint ist: Sie lernen, wirksamer in den eigenen Angstkreis einzugreifen, statt von ihm vollständig gesteuert zu werden.

Angst und Atmung

Angst und Atmung hängen eng zusammen. Wenn Angst stark wird, atmen viele Menschen schneller, flacher oder angespannter. Dadurch können Schwindel, Engegefühl, Kribbeln, Benommenheit oder Atemnot stärker werden.

Atemtechniken können helfen, dem Körper wieder mehr Sicherheit zu vermitteln. Dabei geht es nicht darum, den Atem krampfhaft zu kontrollieren. Hilfreicher ist oft, das Ausatmen zu verlängern, den Körper im Raum wahrzunehmen und dem Nervensystem zu signalisieren: Es besteht jetzt keine akute Gefahr.

Bei Panikattacken können solche Übungen ein wichtiger Teil der Therapie sein. Sie ersetzen aber nicht die therapeutische Arbeit am gesamten Angstkreislauf.

Wann ist Psychotherapie bei Angst sinnvoll?

Psychotherapie ist sinnvoll, wenn Angst, Panik, Sorgen oder Vermeidung den Alltag zunehmend einschränken und allein oder mit Unterstützung von Familie, Partnerin, Partner, Freundeskreis oder Ärztinnen und Ärzten nicht mehr ausreichend bewältigt werden können.

Ein Erstgespräch kann besonders hilfreich sein, wenn:

  • Sie immer häufiger Angst erleben
  • Sie Situationen vermeiden, die früher möglich waren
  • Panikattacken auftreten
  • Sie starke körperliche Angstsymptome erleben
  • Sorgen und Grübeln kaum zu stoppen sind
  • Sie sich sozial zurückziehen
  • Sie Angst vor der nächsten Angstreaktion haben
  • Sie wieder mehr Ruhe, Sicherheit und Handlungsspielraum gewinnen möchten

Bei panischen Angstreaktionen können unter anderem Körperübungen, Atemtechniken, Orientierung im Raum, Arbeit mit Angstgedanken und schrittweise neue Erfahrungen hilfreich sein.

Wissenswertes über Angst

  • Angst ist eine lebenswichtige Emotion.
  • Angst wird über Gefühle, Gedanken, Körperreaktionen und Verhalten erlebt.
  • Angst kann sich im Teufelskreis aus Angstgefühlen, Angstgedanken, körperlichen Symptomen und Vermeidung verstärken.
  • Viele unangemessene Ängste wurden erlernt.
  • Angst und Atmung hängen eng zusammen.
  • Bei Angst schüttet der Körper Stresshormone aus.
  • Angst ist ein evolutionäres Programm, das uns schützen soll.
  • Bei großer Angst reagiert der Körper oft mit Flucht, Angriff oder Erstarren.
  • Bei Angst laufen viele Prozesse unbewusst ab.

Therapeutisch wichtig

  • Der Teufelskreis der Angst kann unterbrochen werden.
  • Angst kann häufig wieder verlernt oder deutlich besser bewältigt werden.
  • Um Ängste zu verlernen, braucht es meist eine schrittweise Annäherung an gefürchtete Situationen.
  • Beruhigungsatmung kann dem Körper Sicherheit vermitteln.
  • Die „Ich-Seite“ kann gestärkt werden, damit nicht die ängstliche „Es-Seite“ die gesamte Führung übernimmt.
  • Ziel ist eine bessere innere Balance zwischen Angstreaktion und bewusster Steuerung.

Kontakt & Erstgespräch

Wenn Angst, Panikattacken, Phobien oder innere Unruhe Ihren Alltag zunehmend einschränken, kann ein persönliches Erstgespräch helfen. Wir klären gemeinsam, wie sich Ihre Angst zeigt, was sie verstärkt und welche nächsten Schritte sinnvoll erscheinen.

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