Wie gehe ich richtig und natürlich?
Fachartikel von Robert Riedl, Psychotherapeut
Gehen sollte im besten Fall einfach gehen: ruhig, natürlich, ohne übermäßige Anstrengung und ohne ständigen Druck, „alles richtig“ machen zu müssen. Der Körper ist für Bewegung gemacht. Gleichzeitig kann Gehen auch Hinweise geben: Schmerzen, Verspannungen oder Unsicherheit beim Gehen können zeigen, dass der Körper überlastet ist, zu wenig bewegt wurde oder medizinisch abgeklärt werden sollte.
Viele Menschen spüren im Alltag, dass Bewegung ihnen guttut. Gerade bei Stress, Erschöpfung, depressiver Verstimmung oder innerer Unruhe kann regelmäßiges Gehen helfen, wieder besser in den eigenen Körper zu kommen. Deshalb kann Gehen auch in der Psychotherapie eine wichtige Ressource sein – nicht als Leistung, sondern als einfache Form von körperlicher und seelischer Aktivierung.
Dieser Artikel erklärt, worauf man beim natürlichen Gehen achten kann, warum zu viel Druck beim „richtigen Gehen“ nicht hilfreich ist und wie Psychotherapie im Gehen Körper, Stimmung und innere Orientierung unterstützen kann.
Der Mensch ist ein Geh- und Laufwesen
Biologisch gesehen ist der Mensch auf Bewegung angelegt. Die Evolution hat unseren Körper für den aufrechten Gang entwickelt: Beine, Füße, Becken, Wirbelsäule, Gleichgewichtssinn, Atmung und Kreislauf arbeiten beim Gehen zusammen.
Man könnte es einfach sagen: Vögel fliegen, Fische schwimmen – und Menschen gehen. Wenn Menschen sich über längere Zeit kaum bewegen, kann das körperliche und psychische Folgen haben. Der Körper verliert Beweglichkeit, Kraft und Ausdauer. Gleichzeitig kann Bewegungsmangel auch seelische Belastungen verstärken, etwa Antriebslosigkeit, Stress oder depressive Verstimmungen.
Deshalb geht es beim gesunden Gehen nicht um sportliche Perfektion. Es geht darum, den Körper regelmäßig, angemessen und möglichst natürlich zu bewegen.
Was bedeutet „richtig gehen“?
Richtiges Gehen bedeutet nicht, sich bei jedem Schritt zu kontrollieren. Zu viel Selbstbeobachtung kann sogar verunsichern. Hilfreicher ist eine einfache Frage: Gehe ich so, dass es meinem Körper guttut?
Ein natürlicher Gang ist meist eher ruhig, elastisch und ökonomisch. Die Schritte sind nicht zu groß. Der Körper hetzt nicht nach vorne. Die Füße landen nicht hart auf dem Boden. Atmung, Tempo und Haltung passen zur Situation.
Wer im Alltag ständig eilt, setzt oft hart mit der Ferse auf, macht große Schritte und spannt Schultern, Nacken oder Kiefer an. Dann wird Gehen eher zum Marschieren. Für manche Menschen kann das Beschwerden verstärken – etwa in Füßen, Knien, Hüfte, Rücken oder Nacken.
Fersengang und Ballengang: Was ist gemeint?
Beim Gehen wird häufig zwischen Fersengang und Ballengang unterschieden. Viele Erwachsene setzen im Alltag zuerst mit der Ferse auf. Das ist nicht automatisch krankhaft. Problematisch kann es aber werden, wenn der Schritt sehr groß ist, die Ferse hart aufprallt und der Körper bei jedem Schritt stark abbremsen muss.
Der sogenannte Ballengang oder Mittelfußgang wirkt oft weicher und federnder. Dabei wird der Fuß weniger hart über die Ferse belastet, sondern der Kontakt zum Boden wird geschmeidiger aufgenommen. Man kann dieses Gefühl gut erkunden, wenn man langsam eine Treppe hinaufgeht oder eine leichte Steigung bewältigt. Dann stellt sich ein weicheres Auftreten oft von selbst ein.
Wichtig ist: Es geht nicht darum, sich zwanghaft einen neuen Gang anzutrainieren. Wer plötzlich radikal auf Ballengang umstellt, kann Waden, Achillessehnen oder Fußmuskulatur überlasten. Sinnvoller ist ein behutsames Erkunden: kleinere Schritte, weniger Hetzen, weicher auftreten, den Boden bewusster spüren.
Gehen ohne Marschieren
Ein hilfreiches Bild ist der Unterschied zwischen Marschieren und gleitendem Gehen. Beim Marschieren wird der Körper eher nach vorne gebracht, als müsste er ein Ziel möglichst schnell erreichen. Beim natürlichen Gehen darf der Körper mehr schwingen, federn und sich tragen lassen.
Man kann sich vorstellen, nicht gegen den Weg anzutreten, sondern mit dem Weg in Kontakt zu kommen. Das klingt einfach, verändert aber oft das Körpergefühl. Die Schritte werden kleiner, die Atmung ruhiger, die Schultern lockerer. Viele Menschen erleben dadurch mehr Leichtigkeit.
Für die Psyche ist das nicht nebensächlich. Wie wir gehen, beeinflusst, wie wir uns erleben. Wer ständig gehetzt geht, bleibt häufig auch innerlich angespannt. Wer langsamer, bewusster und weicher geht, kann leichter zur Ruhe kommen.
Bergaufgehen: langsamer und kleiner
Beim Bergaufgehen ist es sinnvoll, langsamer zu werden und kleinere Schritte zu machen. Der Körper braucht mehr Kraft, die Atmung wird stärker gefordert und der Kreislauf arbeitet intensiver.
Wer bergauf geht oder Stiegen steigt, kräftigt besonders Beinmuskulatur, Gesäßmuskulatur, Gelenke und Knochen. Gerade regelmäßiges, gut dosiertes Treppensteigen kann den Bewegungsapparat stärken. Entscheidend ist aber auch hier das richtige Maß.
Wenn das Bergaufgehen zu Atemnot, starken Schmerzen oder Unsicherheit führt, sollte das Tempo reduziert werden. Bei deutlichen Beschwerden ist eine medizinische Abklärung sinnvoll.
Bergabgehen: bewusst abbremsen
Beim Bergabgehen wird die Beinmuskulatur stark beansprucht, weil der Körper bei jedem Schritt kontrolliert abbremsen muss. Das kann kräftigend wirken, fordert aber besonders Knie und Hüften.
Hilfreich sind kleine Schritte, ein ruhiges Tempo und eine Schrittlänge, bei der das Körpergewicht nicht hart abgefangen werden muss. Wer Knie- oder Hüftbeschwerden hat, kann beim Bergabgehen stärker belastet sein.
Wanderstöcke können entlasten, weil sie einen Teil der Belastung auf Arme, Schultern und Oberkörper verteilen. Gleichzeitig trainieren sie auch die Arm- und Schultermuskulatur mit.
Gehen bei Beschwerden
Viele Erwachsene leiden im Laufe ihres Lebens an Beschwerden des Bewegungsapparats – etwa an Rücken-, Knie-, Hüft-, Fuß- oder Nackenschmerzen. Schmerzen sollten ernst genommen werden. Sie können auf Überlastung, Entzündung, Abnützung, Fehlbelastung oder mangelnde Bewegung hinweisen.
Bei akuten oder starken Schmerzen ist Schonung oft sinnvoll. Bei länger bestehender Inaktivität kann völlige Schonung jedoch dazu führen, dass Kraft, Beweglichkeit und Vertrauen in den Körper weiter abnehmen. Dann kann vorsichtige, regelmäßige Bewegung hilfreich sein.
Wer Beschwerden beim Gehen hat, sollte bewusst langsam, weich und schonend gehen. Häufig ist nicht die Intensität entscheidend, sondern die Regelmäßigkeit. Besser ist eine kurze, gut verträgliche Runde, die wiederholt werden kann, als eine überfordernde Strecke, nach der man tagelang ausfällt.
Wie lange sollte man gehen?
Empfohlen wird häufig ein täglicher Spaziergang von mindestens 30 Minuten. Für manche Menschen ist das ein realistisches Ziel. Für andere – etwa bei Erschöpfung, Depression, Angst, Schmerzen oder längerer Inaktivität – kann das zu viel sein.
Dann ist ein kleiner Anfang besser: zehn Minuten, eine Runde um den Häuserblock, ein kurzer Weg in den Park oder ein paar bewusste Schritte in ruhigem Tempo. Wichtig ist, mit dem Gefühl aufzuhören: Ich hätte noch ein wenig weitergehen können. So bleibt Gehen mit Machbarkeit verbunden – nicht mit Überforderung.
Hilfreiche Grundregeln:
- lieber regelmäßig als selten und übertrieben
- klein beginnen und langsam steigern
- auf Schmerzen, Atem und Erschöpfung achten
- nicht gegen den Körper arbeiten
- ein Tempo wählen, bei dem der Körper ruhig bleiben kann
- beim therapeutischen Gehen so gehen, dass Sprechen gut möglich bleibt
Gehen und seelische Gesundheit
Gehen kann helfen, innere Anspannung abzubauen. Viele Menschen erleben, dass Gedanken beim Gehen klarer werden. Manchmal kommt etwas in Bewegung, das im Sitzen festgefahren wirkt. Der Körper geht voran – und oft findet auch innerlich ein nächster Schritt statt.
In der Psychotherapie kann Gehen deshalb eine wertvolle Unterstützung sein. Es verbindet Gespräch, Körperwahrnehmung, Atmung, Naturerleben und innere Orientierung. Besonders bei Stress, Erschöpfung, depressiven Verstimmungen, Grübeln oder innerer Unruhe kann Bewegung helfen, wieder mehr Handlungsspielraum zu erleben.
Psychotherapie im Gehen ersetzt nicht automatisch das Gespräch in der Praxis. Sie kann aber eine sinnvolle Ergänzung sein, wenn Gehen für Sie als Ressource erlebt wird.
Wichtig: Psychotherapie im Gehen ist nur für Einzeltherapie und Folgegespräche möglich. Das Erstgespräch findet in der Praxis statt.
Kontakt & Erstgespräch
Wenn Stress, Erschöpfung, depressive Verstimmungen, Angst oder körperliche Anspannung Ihren Alltag belasten, kann ein persönliches Erstgespräch helfen. Wir klären gemeinsam, was Sie brauchen, welche nächsten Schritte sinnvoll erscheinen und ob Psychotherapie im Gehen eine passende Möglichkeit für Sie sein kann.
Telefon/SMS/Signal: 0676 730 37 89
E-Mail:
Praxis: Ruckerlberggürtel 13 (2. Stock, Tür 6), 8010 Graz
DIE HÄUFIGSTEN FRAGEN VOR DEM ERSTGESPRÄCH
