Looksmaxxing: Wenn Aussehen zur Selbstwertfrage wird
Interview mit Ing. Mag. Robert Riedl
Looksmaxxing beschreibt einen Trend, bei dem vor allem junge Männer versuchen, ihr Aussehen gezielt zu verbessern. Das kann harmlose Formen annehmen, etwa Körperpflege, Sport, Kleidung oder bewusste Ernährung. Problematisch wird es dort, wo das eigene Aussehen zum zentralen Maßstab des Selbstwerts wird und der Körper zunehmend kontrolliert, bewertet und optimiert werden muss.
Aus psychotherapeutischer Sicht ist Looksmaxxing keine eigene klinische Diagnose. Es kann jedoch mit psychischen Belastungen in Zusammenhang stehen, etwa mit Selbstwertproblemen, Körperbildstörungen, Scham, Zwangsdynamiken, Essstörungen, Muskeldysmorphie, Angst oder depressiven Entwicklungen. Entscheidend ist immer der konkrete Einzelfall.
Die Fragen stellte Iljana Lutaj.
Warum findet Looksmaxxing besonders bei jungen Männern Anklang?
Looksmaxxing findet bei jungen Männern vermutlich deshalb besondere Resonanz, weil es an mehrere gegenwärtige Unsicherheiten zugleich anknüpft. Viele junge Männer erleben heute einen hohen Druck, attraktiv, leistungsfähig, selbstsicher, sexuell erfolgreich, körperlich fit und sozial sichtbar zu sein. Zugleich fehlt häufig eine Sprache für Verletzlichkeit, Scham, Zurückweisung und Selbstzweifel. Der Körper wird in dieser Situation zu einem Bereich, der sich scheinbar kontrollieren lässt.
Aus systemischer Sicht ist Looksmaxxing nicht nur ein individuelles Verhalten, sondern entsteht in einem sozialen Zusammenhang. Junge Männer reagieren auf Erwartungen aus Peergroups, sozialen Medien, Dating-Kulturen, Fitnesskulturen sowie auf männliche Ideale und Erfahrungen von Anerkennung oder Ausschluss. Wenn ein junger Mann wiederholt erlebt oder annimmt, dass das Aussehen über Zugehörigkeit, Status und romantische Chancen entscheidet, kann der eigene Körper zum zentralen Projekt werden.
Bestimmte Männlichkeitsbilder spielen dabei eine wesentliche Rolle. Einerseits soll ein Mann souverän, stark, kontrolliert und unabhängig wirken, andererseits attraktiv, gepflegt, muskulös, sexuell begehrt und erfolgreich sein. Daraus entsteht eine innere Doppelbindung: Man soll sich optimieren, aber nicht unsicher wirken. Man soll attraktiv sein, aber nicht bedürftig erscheinen. Man soll Kontrolle ausstrahlen, ohne zu zeigen, wie viel Angst oder Druck dahintersteht.
Looksmaxxing bietet darauf eine scheinbar einfache Antwort: Wer sein Aussehen verbessert, verbessert sein Leben. Psychologisch ist das nachvollziehbar, greift jedoch zu kurz. Denn Selbstwert, Beziehungserfahrung, Sexualität und Zugehörigkeit lassen sich nicht dauerhaft allein über äußere Merkmale stabilisieren.
Welche Rolle spielen soziale Medien, Dating-Apps und Schönheitsideale?
Soziale Medien und Dating-Apps verstärken das Phänomen erheblich, weil sie Aussehen messbar, vergleichbar und bewertbar machen. Likes, Matches, Kommentare, Rankings und Algorithmen erzeugen den Eindruck, Attraktivität sei eine Art Marktwert. Besonders belastend ist dies für junge Menschen, deren Selbstbild und Identität sich noch in der Entwicklung befinden.
Soziale Medien bilden nicht einfach Wirklichkeit ab. Sie zeigen kuratierte, gefilterte, bearbeitete und algorithmisch verstärkte Ausschnitte. Wer fortwährend optimierte Körper, Gesichter, Hautbilder, Frisuren, Muskeln und Lifestyle-Inszenierungen sieht, kann leicht den Eindruck gewinnen, das eigene, normale Aussehen sei ungenügend. Der Vergleich findet dann nicht mehr mit Menschen aus dem eigenen Alltag statt, sondern mit einer globalen Auswahl extrem optimierter Bilder.
Dating-Apps verschärfen diesen Mechanismus, weil sie romantische und sexuelle Auswahl stark visuell strukturieren. Innerhalb weniger Sekunden wird ein Profil angenommen oder abgelehnt. Bei jungen Männern kann dies die Überzeugung verstärken, dass kleine äußerliche Merkmale über Beziehungschancen entscheiden. Aus psychotherapeutischer Sicht ist das problematisch, weil komplexe menschliche Beziehungserfahrungen auf schnelle Sichtbarkeit und Bewertung reduziert werden.
Gesellschaftliche Schönheitsideale wirken dabei wie ein stilles Regelwerk. Sie definieren, welche Körper, Gesichter, welche Haut, Haare, welche Körpergröße, Muskulatur oder Gesichtszüge als begehrenswert gelten. Looksmaxxing greift diese Ideale auf und übersetzt sie in Handlungsprogramme: trainieren, optimieren, messen, korrigieren, vergleichen. Auf diese Weise erhält Unsicherheit eine Richtung. Das kann kurzfristig entlasten, langfristig jedoch die Fixierung verstärken.
Ist Looksmaxxing eher Eitelkeit oder ein Bewältigungsmechanismus?
Die These, dass Looksmaxxing für viele junge Männer weniger ein Ausdruck von Eitelkeit als vielmehr ein Bewältigungsmechanismus für Unsicherheit, sozialen Vergleich und Leistungsdruck ist, halte ich aus psychotherapeutischer Sicht für sehr plausibel. Looksmaxxing sollte bei vielen jungen Männern nicht vorschnell als Eitelkeit gedeutet werden. Häufig reicht das Phänomen tiefer: Es berührt Selbstwert, Zugehörigkeit, die Angst vor Ablehnung, Scham, Kränkung, Einsamkeit, sexuelle Unsicherheit und das Gefühl, im Vergleich mit anderen nicht zu genügen.
Ein Bewältigungsmechanismus bedeutet, dass ein Mensch versucht, mit innerem Druck, Unsicherheit oder seelischer Belastung umzugehen. Looksmaxxing kann kurzfristig das Gefühl vermitteln, wieder Kontrolle zu haben. Man kann etwas tun: messen, planen, trainieren, vergleichen, verändern. Das erzeugt vorübergehend Erleichterung. Der junge Mann erlebt sich nicht mehr nur als ausgeliefert, sondern als handlungsfähig.
Problematisch wird diese Bewältigung dann, wenn sie zu eng wird. Wenn die innere Frage lautet: Bin ich liebenswert, begehrenswert, wertvoll? Und wenn die Antwort ausschließlich über das Aussehen gesucht wird, entsteht eine instabile Selbstwertregulation. Der Körper muss dann immer wieder neue Sicherheit liefern. Das gelingt jedoch selten dauerhaft, weil der nächste Vergleich, der nächste Makel oder das nächste Ideal bereits wartet.
Systemisch betrachtet löst Looksmaxxing nicht nur ein individuelles Problem, sondern stabilisiert auch eine bestimmte Erzählung. Diese Erzählung lautet: Mein soziales und romantisches Leben hängt vor allem von meinem Aussehen ab. Solange diese Erzählung nicht hinterfragt wird, kann jede Optimierung nur vorübergehend beruhigen.
Ist Looksmaxxing ein Symptom psychischer Belastungen oder gesunde Selbstoptimierung?
Looksmaxxing ist nicht per se krankhaft. Es kann harmlose, mitunter sogar gesunde Anteile enthalten. Körperpflege, Sport, ausgewogene Ernährung, ein bewusster Kleidungsstil oder das Bemühen, sich im eigenen Körper wohler zu fühlen, können Ausdruck von Selbstfürsorge sein. Problematisch wird es nicht durch die bloße Beschäftigung mit dem Aussehen, sondern durch die psychische Funktion, die diese Beschäftigung übernimmt.
Die entscheidende Frage lautet: Dient das Verhalten dem Leben oder beginnt das Leben dem Verhalten zu dienen?
Gesund ist Selbstoptimierung dann, wenn sie flexibel bleibt, Freude und Wohlbefinden unterstützt, soziale Beziehungen nicht beschädigt und nicht zur zentralen Bedingung des eigenen Selbstwerts wird. Ein Mensch kann Sport treiben, sich pflegen und auf sein Auftreten achten, ohne sich dadurch innerlich zu versklaven.
Problematisch wird es, wenn das Aussehen zum Hauptmaßstab des eigenen Wertes wird. Warnsignale sind ständiges Kontrollieren im Spiegel, exzessives Vergleichen, anhaltende Beschäftigung mit vermeintlichen Makeln, sozialer Rückzug, Angst vor Fotos, zwanghafte Routinen, ausgeprägte Scham, riskante Eingriffe, extreme Diäten, Substanzmissbrauch oder das Gefühl, erst nach einer bestimmten Veränderung überhaupt leben, daten oder sich zeigen zu dürfen.
Ob Looksmaxxing gesund oder problematisch ist, hängt von mehreren Faktoren ab: vom Leidensdruck, vom Ausmaß des Kontrollverlusts, vom zeitlichen Umfang, vom gesundheitlichen Risiko, von der sozialen Einengung, von der Selbstwertabhängigkeit und von der Frage, ob das Verhalten frei gewählt oder innerlich zwanghaft erlebt wird.
Wo liegt die Grenze zwischen Selbstfürsorge und problematischer Fixierung?
Die Grenze verläuft dort, wo Selbstfürsorge in Selbstabwertung umschlägt. Gesunde Selbstfürsorge sagt: Ich möchte gut mit mir umgehen. Eine problematische Fixierung sagt: So, wie ich bin, bin ich nicht ausreichend.
Diese Grenze lässt sich nicht immer an einer einzelnen Handlung festmachen. Zwei Menschen können dasselbe tun, etwa trainieren oder Hautpflege betreiben, aber aus völlig unterschiedlichen inneren Motiven. Bei der einen Person stärkt es Wohlbefinden und Selbstachtung, bei der anderen dient es dazu, Angst, Scham oder Minderwertigkeitsgefühle kurzfristig zu beruhigen.
Therapeutisch achte ich daher auf die innere Beziehung zum eigenen Körper. Wird der Körper als lebendiger Teil der Person erlebt oder als Objekt, das fortwährend kontrolliert, bewertet und repariert werden muss? Besteht noch Flexibilität, oder wird jede Abweichung als Katastrophe empfunden? Kann die Person auch dann Nähe, Freude, Sexualität und soziale Kontakte erleben, wenn sie nicht perfekt aussieht? Oder wird das Leben aufgeschoben, bis ein bestimmtes äußeres Ziel erreicht ist?
Eine problematische Fixierung zeigt sich oft daran, dass die Person zunehmend einengt. Der Alltag kreist mehr und mehr um Aussehen, Training, Ernährung, Körpermerkmale, Vergleiche, Online-Inhalte oder vermeintliche Defizite. Zugleich werden Beziehungen, Schule, Studium, Arbeit, Schlaf, Spontaneität und psychische Stabilität beeinträchtigt. Dann ist die Grenze zur psychischen Belastung klar überschritten.
Warum kann Looksmaxxing in gesundheitsschädliches Verhalten münden?
Aus psychotherapeutischer Sicht lässt sich diese Entwicklung als Eskalationsspirale verstehen. Am Anfang steht häufig ein Gefühl von Unsicherheit, Kränkung, Ablehnung oder sozialem Vergleich. Daraus erwächst die Idee: Wenn ich diesen einen Makel behebe, wird es mir besser gehen. Nach einer Veränderung tritt mitunter kurzfristig Erleichterung ein. Diese hält jedoch nicht lange an, weil der zugrunde liegende Selbstwert nicht stabiler geworden ist. Daraufhin rückt der nächste Makel in den Vordergrund.
So entsteht ein Kreislauf aus Anspannung, Optimierung, kurzfristiger Beruhigung und neuer Unzufriedenheit. Je stärker dieser Kreislauf wird, desto radikaler können die Maßnahmen ausfallen. Was zunächst mit Hautpflege, Frisur oder Training beginnt, kann in extreme Diäten, übermäßiges Training, riskante Supplemente, nicht indizierte Eingriffe, Selbstmanipulationen oder gefährliche Online-Anleitungen übergehen.
Ein weiterer Faktor ist die soziale Bestätigung in Online-Räumen. Wenn junge Männer dort vermittelt bekommen, dass ihr Wert nahezu vollständig vom Aussehen abhänge, kann ein ohnehin verletzter Selbstwert weiter verengt werden. Besonders problematisch ist es, wenn entsprechende Communities nicht beruhigen, sondern den Blick auf vermeintliche Defizite schärfen. Dann entsteht keine Entlastung, sondern eine neue Form der Selbstüberwachung des eigenen Körpers.
Interdisziplinär betrachtet wirken hier mehrere Ebenen zusammen: psychische Verletzlichkeit, Körperbild, Geschlechterrollen, digitale Algorithmen, Dating-Kultur, kommerzielle Schönheitsangebote, Fitnessindustrie und soziale Vergleichsdynamiken. Looksmaxxing ist daher nicht allein ein individuelles Problem, sondern auch ein kulturelles und mediales Phänomen.
Welches psychische oder gesellschaftliche Problem versucht Looksmaxxing zu lösen?
Looksmaxxing versucht aus meiner Sicht vor allem ein Selbstwertproblem zu lösen. Viele junge Männer suchen eine Antwort auf Fragen wie: Bin ich begehrenswert? Bin ich männlich genug? Bin ich sichtbar? Habe ich Chancen? Bin ich im Vergleich mit anderen gut genug? Werde ich gewählt oder abgelehnt?
Gesellschaftlich versucht Looksmaxxing ein Problem zu lösen, das durch Vergleich, Leistungsdruck und Bewertbarkeit entsteht. Junge Männer erleben, dass Attraktivität, Erfolg, Fitness, sexuelle Ausstrahlung und soziale Anerkennung scheinbar fortwährend öffentlich beurteilt werden. Zugleich fehlen oft sichere Räume, in denen sie über Beschämung, Einsamkeit, Zurückweisung, Körperunsicherheit oder sexuelle Angst sprechen können.
Der Körper wird damit zur Projektionsfläche für ein tieferliegendes Problem. Im Kern geht es eben nicht nur um Kieferlinie, Haut, Muskeln oder Körpergröße. Es geht um den Wunsch, nicht beschämt zu werden, um das Bedürfnis, begehrt zu werden, und um die Hoffnung, durch Kontrolle über das Äußere zugleich Kontrolle über Beziehung, Status und Selbstwert zu gewinnen.
Therapeutisch wäre daher wichtig, nicht nur über gefährliche Praktiken zu sprechen, sondern auch über die darunterliegende Not. Jungen Männern lediglich zu raten, sich weniger mit ihrem Aussehen zu beschäftigen, greift zu kurz. Man muss verstehen, wofür diese Beschäftigung innerlich gebraucht wird. Häufig geht es um Anerkennung, Zugehörigkeit, Schutz vor Zurückweisung und die Suche nach einem stabileren Selbstgefühl.
Aus meiner Sicht braucht es daher eine differenzierte gesellschaftliche Antwort. Nicht jede Beschäftigung mit dem Aussehen sollte pathologisiert werden. Zugleich sollten wir es sehr ernst nehmen, wenn junge Männer ihren Wert nahezu ausschließlich über Aussehen, Körper und romantische Marktchancen definieren. Entscheidend wäre, jungen Männern mehr Sprache für Unsicherheit, Scham, Verletzlichkeit, Beziehungserfahrungen und Selbstwert zu geben. Denn wo diese Themen keinen Platz finden, sucht sich der innere Druck häufig einen anderen Ausdruck. Beim Looksmaxxing ist dieser Ausdruck der Körper.
Wann ist ein Erstgespräch sinnvoll?
Ein Erstgespräch ist sinnvoll, wenn die Beschäftigung mit Aussehen, Körper, Attraktivität oder Selbstwert stark belastet, wenn soziale Vergleiche kaum noch kontrollierbar sind oder wenn der eigene Körper zunehmend als mangelhaft, beschämend oder reparaturbedürftig erlebt wird.
Auch bei Rückzug, Angst vor Ablehnung, depressiven Verstimmungen, zwanghaftem Kontrollieren, Essproblemen, übermäßigem Training, Leistungsdruck oder Schwierigkeiten in Beziehungen kann ein therapeutisches Gespräch hilfreich sein. Dabei geht es nicht darum, normale Körperpflege oder den Wunsch nach Attraktivität zu pathologisieren. Es geht darum, besser zu verstehen, welche innere Funktion die Beschäftigung mit dem Aussehen erfüllt und wie wieder mehr Selbstwert, Flexibilität und Lebensqualität entstehen können.
Kontakt & Erstgespräch
Wenn Sie unsicher sind, welche Therapiemethode oder welcher therapeutische Rahmen für Sie passend ist, kann ein Erstgespräch helfen. Wir klären gemeinsam Ihr Anliegen, Ihre Erwartungen und ob eine systemische Psychotherapie in meiner Praxis für Ihre Situation sinnvoll erscheint.
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DIE HÄUFIGSTEN FRAGEN VOR DEM ERSTGESPRÄCH
