Bewegung und Aktivität: Wie Gehen das seelische Wohlbefinden stärken kann
Fachartikel von Robert Riedl, Psychotherapeut
Gehen ist eine einfache, alltägliche Handlung. Wir können allein gehen oder gemeinsam, im Wald oder in der Stadt, bei Sonne oder Regen. Gerade weil Gehen so selbstverständlich wirkt, wird seine Wirkung oft unterschätzt.
Schon ein kurzer Spaziergang kann helfen, den Kopf freier zu bekommen, innere Anspannung zu reduzieren und die Stimmung zu verbessern. Bewegung wirkt nicht nur auf Muskeln, Kreislauf und Stoffwechsel. Sie beeinflusst auch, wie wir denken, fühlen und mit Belastungen umgehen.
In der Psychotherapie kann Gehen deshalb eine wertvolle Ressource sein – besonders bei Stress, Erschöpfung, depressiven Verstimmungen, Grübeln, innerer Unruhe oder dem Gefühl, festzustecken.
Bewegung wirkt nicht nur auf den Körper
Viele Menschen wissen, dass Bewegung körperlich gesund ist. Sie stärkt Kreislauf, Muskulatur und Ausdauer. Weniger bewusst ist oft, dass Bewegung auch auf die Psyche wirkt.
Laufen, Radfahren, Wandern oder einfaches Spazierengehen können helfen, Abstand vom Alltag zu gewinnen. Wer sich bewegt, kommt oft auch innerlich wieder eher in Bewegung. Gedanken ordnen sich, Anspannung kann nachlassen, und die eigene Stimmung wird leichter beeinflussbar.
Studien weisen darauf hin, dass regelmäßige körperliche Aktivität bei Stress, depressiven Verstimmungen und Angstzuständen unterstützend wirken kann. Das bedeutet nicht, dass Bewegung eine Psychotherapie ersetzt. Sie kann aber ein wichtiger Baustein sein, um wieder mehr Stabilität, Energie und Selbstwirksamkeit zu erleben.
Warum schon ein Spaziergang helfen kann
Eine Studie aus dem Jahr 2016 mit dem Titel „Walking facilitates positive affect (even when expecting the opposite)” untersuchte, wie sich Gehen auf die Stimmung auswirkt. Das Ergebnis war bemerkenswert: Gehen konnte positive Gefühle fördern – sogar dann, wenn die Personen nicht ausdrücklich damit rechneten.
Das zeigt etwas Wichtiges: Es braucht nicht immer intensive sportliche Leistung, damit Bewegung seelisch wirksam wird. Bereits ein kurzer Spaziergang kann helfen, sich wacher, aktiver und zuversichtlicher zu fühlen.
Die Wirkung entsteht vermutlich durch mehrere Faktoren zugleich: körperliche Aktivierung, biochemische Prozesse im Körper, frische Luft, Naturerleben, soziale Begegnungen, das Erreichen kleiner Ziele und die innere Erfahrung: Ich tue etwas für mich.
Gehen bringt Energie und Selbstvertrauen
Die Psychologen Jeffrey Miller und Zlatan Krizan untersuchten, wie einfache Bewegung auf das Erleben von Menschen wirkt. In ihren Experimenten fühlten sich Versuchspersonen nach einem kurzen Spaziergang über den Campus oder durch Universitätsflure energetischer, aufmerksamer und selbstbewusster.
Interessant war: Selbst die Aussicht auf eine unangenehme Aufgabe danach – etwa das Schreiben eines Essays – nahm dem Gehen nicht seine positive Wirkung.
Das ist therapeutisch bedeutsam. Gerade Menschen mit Belastungen warten oft darauf, dass zuerst Motivation, Energie oder Zuversicht zurückkehren. Bewegung kann diesen Prozess manchmal umdrehen: Man beginnt mit einem kleinen Schritt – und dadurch wird ein wenig mehr Energie möglich.
Aktivität statt lähmender Untätigkeit
Viele Menschen sehnen sich in Stress- oder Erschöpfungsphasen nach Ruhe. Ruhe ist wichtig. Aber zu viel Rückzug und Untätigkeit können das seelische Befinden auch verschlechtern. Wer sich gar nicht mehr bewegt, verliert oft noch mehr Antrieb.
Eine Studie aus dem Jahr 2010 zeigte, dass Menschen häufig glücklicher sind, wenn sie beschäftigt oder aktiv sind – selbst dann, wenn die Aktivität auf den ersten Blick keinen großen Zweck erfüllt.
Das bedeutet nicht, dass ständige Geschäftigkeit gesund ist. Dauerstress, Überforderung und permanentes Funktionieren machen krank. Entscheidend ist die passende Balance: ausreichend Ruhe, aber auch kleine sinnvolle Aktivitäten, die wieder Kontakt zum Leben herstellen.
Der Unterschied zwischen hilfreicher Aktivität und Stress
Nicht jede Aktivität tut gut. Wer sich nur antreibt, um nicht fühlen zu müssen, kann sich weiter erschöpfen. Wer aber kleine, machbare Schritte setzt, kann wieder erleben: Ich bin nicht nur ausgeliefert. Ich kann etwas beitragen.
Hilfreiche Aktivität ist meist einfach, überschaubar und realistisch. Sie überfordert nicht, sondern bringt den Menschen wieder etwas mehr in Kontakt mit sich selbst, mit dem Körper und mit der Umgebung.
Hilfreiche Beispiele können sein:
- zehn Minuten spazieren gehen
- eine kleine Runde im Park machen
- bewusst Treppen steigen statt den Lift zu nehmen
- kurz an die frische Luft gehen
- einen Weg zu Fuß erledigen
- nach einem belastenden Gespräch eine Runde gehen
- beim Grübeln den Körper bewusst in Bewegung bringen
Bewegung als Ressource in der Psychotherapie
In der Psychotherapie geht es häufig darum, wieder Zugang zu eigenen Ressourcen zu finden. Eine Ressource ist etwas, das stärkt, reguliert oder handlungsfähiger macht. Bewegung kann so eine Ressource sein.
Gehen kann helfen, wenn Gedanken kreisen, Gefühle feststecken oder der Körper angespannt ist. Im Gehen fällt es manchen Menschen leichter, über schwierige Themen zu sprechen. Andere spüren ihren Körper deutlicher, finden leichter Worte oder erleben mehr Abstand zu belastenden Gedanken.
Psychotherapie im Gehen verbindet das therapeutische Gespräch mit Bewegung und Naturerleben. Es geht dabei nicht um sportliche Leistung. Es geht um ein Gehen, das gut möglich ist und den therapeutischen Prozess unterstützt.
Wichtig: Psychotherapie im Gehen ist nur für Einzeltherapie und Folgegespräche möglich. Das Erstgespräch findet in der Praxis statt.
Wenn nichts mehr geht: kleine Schritte statt großer Druck
Gerade bei Depression, Burnout, Angst oder starker Erschöpfung kann der Satz „Geh doch einfach spazieren“ verletzend wirken. Denn Betroffene wissen oft selbst, was ihnen guttun könnte – aber sie schaffen es im Moment nicht. Deshalb geht es nicht um Druck, Disziplin oder Durchhalteparolen. Therapeutisch sinnvoller ist es, den nächsten Schritt so klein zu machen, dass er möglich wird.
Manchmal beginnt Veränderung nicht mit einer Stunde Bewegung, sondern mit fünf Minuten. Nicht mit einem großen Plan, sondern mit einem Gang vor die Tür. Nicht mit Perfektion, sondern mit einem Anfang. Psychotherapie kann dabei helfen, solche machbaren Schritte zu finden, innere Hindernisse zu verstehen und die Balance zwischen Ruhe, Aktivität und Selbstfürsorge wieder aufzubauen.
Kontakt & Erstgespräch
Wenn Stress, Erschöpfung, depressive Verstimmungen, Angst oder innere Unruhe Ihren Alltag belasten, kann ein persönliches Erstgespräch helfen. Wir klären gemeinsam, was Sie brauchen, welche nächsten Schritte sinnvoll erscheinen und ob Psychotherapie im Gehen eine passende Möglichkeit für Sie sein kann.
Telefon/SMS/Signal: 0676 730 37 89
E-Mail:
Praxis: Ruckerlberggürtel 13 (2. Stock, Tür 6), 8010 Graz
DIE HÄUFIGSTEN FRAGEN VOR DEM ERSTGESPRÄCH
