Persönlichkeitsstörungen verstehen

Fachartikel von Robert Riedl, Psychotherapeut

Der Begriff Persönlichkeitsstörung kann für Betroffene und Angehörige zunächst verunsichernd klingen. Gemeint ist damit nicht, dass ein Mensch „falsch“ ist. Persönlichkeitsstörungen lassen sich eher als sehr ausgeprägte, über längere Zeit stabile Muster im Denken, Fühlen, Erleben und Verhalten verstehen.

Solche Muster können früher einmal hilfreich gewesen sein, etwa um mit schwierigen Lebensbedingungen, Unsicherheit, Verletzungen oder Überforderung zurechtzukommen. Später können sie jedoch zu persönlichem Leid, Beziehungskonflikten, starken inneren Spannungen oder Schwierigkeiten im Alltag führen.

Psychotherapie kann helfen, diese Muster besser zu verstehen, mehr innere Stabilität zu entwickeln und neue Möglichkeiten im Umgang mit sich selbst und anderen Menschen aufzubauen.

Was ist eine Persönlichkeitsstörung?

Jeder Mensch hat eine eigene Persönlichkeit: bestimmte Arten zu fühlen, zu denken, zu reagieren, Beziehungen zu gestalten und mit Belastungen umzugehen. Manche Menschen sind eher vorsichtig, andere impulsiver. Manche brauchen viel Nähe, andere viel Abstand. Manche sind sehr gewissenhaft, andere spontan.

Von einer Persönlichkeitsstörung spricht man dann, wenn bestimmte Persönlichkeitsmerkmale sehr stark ausgeprägt sind und über längere Zeit zu deutlichem Leiden oder zu wiederkehrenden Problemen im Zusammenleben führen.

Typisch ist, dass Betroffene oft nicht nur einzelne Symptome erleben, sondern immer wieder ähnliche Schwierigkeiten in unterschiedlichen Lebensbereichen:

  • in Partnerschaften und Freundschaften
  • in Familie und sozialen Beziehungen
  • im Beruf oder in Ausbildung
  • im Umgang mit Nähe, Distanz, Kritik oder Zurückweisung
  • im Umgang mit starken Gefühlen
  • im Selbstwert und in der eigenen Identität

Wichtig ist: Eine Persönlichkeitsstörung ist keine moralische Schwäche. Sie ist auch kein Zeichen mangelnder Intelligenz oder mangelnden Willens. Häufig geht es um tief eingeprägte Bewältigungsmuster, die sich nicht einfach durch „Reiß dich zusammen“ verändern lassen.

Wie können Persönlichkeitsstörungen entstehen?

Die Ursachen sind meist vielschichtig. Genetische Faktoren, Temperament, hirnorganische Besonderheiten, frühe Bindungserfahrungen, familiäre Belastungen und prägende Beziehungserlebnisse können zusammenwirken.

Auch traumatisierende Erfahrungen, emotionale Vernachlässigung, Demütigung, Gewalt, Missbrauch, Mobbing oder ein dauerhaft unsicheres soziales Umfeld können eine Rolle spielen.

Die Persönlichkeit entwickelt sich von der frühen Kindheit über das Jugendalter bis ins junge Erwachsenenalter. Deshalb ist bei Kindern und Jugendlichen besondere Vorsicht mit festen Diagnosen geboten. Vor dem 18. Lebensjahr sollte sehr behutsam abgeklärt werden, ob es sich um vorübergehende Entwicklungsprobleme, Belastungsreaktionen oder bereits sehr stabile Muster handelt.

In der Therapie ist weniger entscheidend, jemanden vorschnell zu etikettieren. Wichtiger ist die Frage: Welche Muster verursachen Leid – und was kann helfen, damit anders umzugehen?

Borderline-Persönlichkeitsstörung: Wenn Gefühle sehr stark schwanken

Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung erleben sich häufig als Opfer ihrer eigenen inneren Dynamik. Gefühle können sehr heftig werden, rasch wechseln und kaum steuerbar erscheinen. Innere Anspannung kann so stark werden, dass Betroffene verzweifelt versuchen, diesen Zustand irgendwie zu verringern.

Das kann sich unter anderem zeigen durch:

  • heftige Stimmungs- und Gefühlsschwankungen
  • starke Angst vor Zurückweisung oder Verlassenwerden
  • instabile Beziehungen mit viel Nähe, Konflikt und Enttäuschung
  • innere Leere oder starke innere Anspannung
  • Impulsivität und riskantes Verhalten
  • Selbstverletzungen, etwa Ritzen der eigenen Haut
  • Drogenkonsum oder andere selbstschädigende Verhaltensweisen
  • häufige abrupte Wechsel, etwa in Beziehungen, Wohnort oder Lebensplanung

In vielen Fällen stehen frühe traumatische oder stark belastende Erfahrungen im Hintergrund. Viele Betroffene berichten von Missbrauch, emotionaler Vernachlässigung oder einem sozialen Umfeld, in dem sie sich fremd, gefährdet, beschämt oder gedemütigt erlebt haben.

Therapeutisch geht es zunächst um Stabilisierung, Sicherheit, Emotionsregulation und Selbstschutz. Erst wenn genügend innere Stabilität vorhanden ist, kann eine tiefere Bearbeitung belastender Erfahrungen sinnvoll sein.

Drei häufig beschriebene Gruppen von Persönlichkeitsstörungen

Psychotherapeutisch und psychiatrisch werden Persönlichkeitsstörungen häufig in Gruppen beschrieben. Diese Einteilung kann Orientierung geben, ersetzt aber keine persönliche fachliche Abklärung.

1. Exzentrische oder distanzierte Muster

Hier stehen häufig sozialer Rückzug, Misstrauen, ungewöhnliche Denkweisen oder ein starkes Bedürfnis nach Abstand im Vordergrund. Dazu werden etwa schizoide oder paranoide Persönlichkeitsmuster gezählt.

2. Emotional-instabile, dramatische oder konflikthafte Muster

Hier können starke Gefühle, Impulsivität, intensive Beziehungskonflikte, starkes Bedürfnis nach Anerkennung oder ein verletzlicher Selbstwert eine große Rolle spielen. Dazu zählen unter anderem Borderline-, narzisstische oder histrionische Persönlichkeitsmuster.

3. Ängstliche, selbstunsichere, abhängige oder zwanghafte Muster

Hier stehen oft starke Unsicherheit, Vermeidung, Abhängigkeit, Angst vor Kritik, Perfektionismus oder ausgeprägte Kontrolle im Vordergrund. Manche Betroffene entwickeln dadurch soziale Ängste, Rückzug oder zwanghafte Muster.

In der Praxis sind diese Gruppen nicht immer klar getrennt. Viele Menschen erleben Mischformen oder einzelne ausgeprägte Persönlichkeitszüge, ohne dass gleich eine vollständige Persönlichkeitsstörung vorliegen muss.

Warum Beziehungen oft besonders belastet sind

Persönlichkeitsstörungen zeigen sich häufig dort am deutlichsten, wo Menschen einander nahekommen: in Partnerschaften, Familie, Freundschaften oder Arbeitsbeziehungen.

Ein Mensch kann sich zum Beispiel schnell zurückgewiesen fühlen, obwohl das Gegenüber gar keine Ablehnung gemeint hat. Oder jemand schützt sich durch Rückzug, Kontrolle, Wut, Abwertung, Anpassung oder Misstrauen. Kurzfristig kann das Sicherheit geben. Langfristig entstehen aber oft Konflikte, Entfremdung, Einsamkeit oder Selbstvorwürfe.

Für Angehörige ist das ebenfalls belastend. Sie erleben manchmal starke Stimmungsschwankungen, Beziehungsabbrüche, Vorwürfe, Rückzug oder Krisen, ohne zu wissen, wie sie hilfreich reagieren können.

In der Therapie kann es darum gehen, diese Beziehungsmuster sichtbar zu machen: Was passiert innerlich? Was wird befürchtet? Welche Reaktion entsteht automatisch? Und welche neue Reaktion wäre heute hilfreicher?

Wie Psychotherapie helfen kann

Persönlichkeitsstörungen sind behandelbar. Die psychotherapeutische Behandlung braucht jedoch meist Zeit, Verlässlichkeit und einen klaren therapeutischen Rahmen. Es geht nicht um schnelle „Persönlichkeitsveränderung“, sondern um ein schrittweises Verstehen und Verändern stabiler Muster.

Therapeutisch kann gearbeitet werden an:

  • Selbstwahrnehmung: eigene Gefühle, Bedürfnisse, Grenzen und Reaktionsmuster besser erkennen
  • Emotionsregulation: starke innere Anspannung früher bemerken und anders damit umgehen
  • Beziehungsmustern: wiederkehrende Konflikte, Nähe-Distanz-Probleme und Verletzlichkeiten verstehen
  • Selbstwert: abwertende Selbstbilder hinterfragen und stabilere Selbstakzeptanz entwickeln
  • Impulskontrolle: riskante oder selbstschädigende Handlungen besser unterbrechen
  • Traumafolgen: belastende Erfahrungen behutsam einordnen und verarbeiten
  • Alltag und soziale Stabilität: konkrete Schritte für Arbeit, Beziehungen, Wohnen und Selbstfürsorge entwickeln

In der Systemischen Psychotherapie wird dabei nicht nur der einzelne Mensch isoliert betrachtet. Wichtig sind auch Beziehungen, soziale Umgebung, Familienmuster, Lebensgeschichte, aktuelle Belastungen und Ressourcen.

Manchmal kann zusätzlich eine ambulante oder stationäre Behandlung in einem Krankenhaus sinnvoll sein. In bestimmten Fällen kann auch eine medikamentöse Behandlung unter fachärztlicher Betreuung hilfreich sein, etwa bei starker Depression, Angst, innerer Anspannung, Schlafproblemen oder Impulsdurchbrüchen.

Ein Erstgespräch kann entlasten

Viele Menschen kommen erst sehr spät in Psychotherapie, weil sie sich schämen, Angst vor Bewertung haben oder befürchten, „schwierig“ zu sein. Gerade bei Persönlichkeitsstörungen ist ein wertschätzender und klarer therapeutischer Rahmen besonders wichtig.

Ein Erstgespräch kann helfen, die aktuelle Situation einzuordnen:

  • Welche Muster belasten Sie schon länger?
  • Welche Beziehungskonflikte wiederholen sich?
  • Welche Gefühle werden besonders schwer steuerbar?
  • Gibt es Selbstverletzung, Impulsdurchbrüche oder starke innere Anspannung?
  • Welche bisherigen Bewältigungsversuche helfen – und welche verschlimmern die Lage?
  • Welche Form von Psychotherapie oder zusätzlicher Unterstützung wäre sinnvoll?

Sie müssen vor dem Erstgespräch keine fertige Diagnose haben. Es reicht, wenn Sie merken: So wie bisher geht es nicht gut weiter.


Kontakt & Erstgespräch

Wenn Sie unter starken Gefühlsschwankungen, wiederkehrenden Beziehungskonflikten, innerer Leere, Selbstwertproblemen, Selbstverletzung, Impulsivität oder belastenden Persönlichkeitsmustern leiden, kann ein persönliches Erstgespräch helfen.

Wir klären gemeinsam, was Sie belastet, welche Muster sich wiederholen und welche therapeutischen Schritte sinnvoll sein könnten. Ein Erstgespräch verpflichtet zu nichts, kann aber ein wichtiger erster Schritt zu mehr Stabilität, Selbstverständnis und Beziehungssicherheit sein.

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