ADHS und ADS bei Erwachsenen: Wenn Aufmerksamkeit, Organisation und innere Unruhe den Alltag belasten

von Robert Riedl, Psychotherapeut

ADHS und ADS werden häufig mit Kindern verbunden. Viele Menschen merken aber erst im Erwachsenenalter, dass ihre Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, innerer Unruhe, Impulsivität, Organisation oder Zeitmanagement schon lange bestehen.

Betroffene erleben oft nicht nur einzelne Konzentrationsprobleme. Häufig geht es um den gesamten Alltag: Termine, Arbeit, Beziehungen, Haushalt, Entscheidungen, Gefühlsregulation, Erschöpfung, Selbstwert und das Gefühl, trotz großer Anstrengung immer wieder an denselben Punkten zu scheitern.

Psychotherapie kann helfen, ADHS oder ADS besser zu verstehen, den Alltag strukturierter zu bewältigen und einen wohlwollenderen Umgang mit sich selbst zu entwickeln. Wichtig ist dabei eine sorgfältige Abklärung und eine individuell passende Behandlung.

Was bedeutet ADHS oder ADS bei Erwachsenen?

ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. ADS wird häufig verwendet, wenn die Aufmerksamkeitsprobleme im Vordergrund stehen und die äußerlich sichtbare Hyperaktivität weniger stark ausgeprägt ist.

Bei Erwachsenen zeigt sich ADHS oft anders als bei Kindern. Viele Betroffene wirken nach außen nicht hyperaktiv. Innerlich erleben sie aber Unruhe, Gedankensprünge, Reizoffenheit, Überforderung oder das Gefühl, ständig mehrere Dinge gleichzeitig im Kopf zu haben.

Typische Themen sind:

  • Schwierigkeiten, Aufmerksamkeit über längere Zeit zu halten
  • Vergesslichkeit und Verzettelung
  • Aufschieben wichtiger Aufgaben
  • Probleme mit Zeitplanung und Organisation
  • innere Unruhe oder starke Anspannung
  • impulsives Reden, Handeln oder Entscheiden
  • emotionale Überreaktionen
  • schnelle Frustration
  • starke Erschöpfung nach alltäglichen Anforderungen
  • das Gefühl, das eigene Potenzial nicht gut umsetzen zu können

Viele Erwachsene mit ADHS haben über Jahre gelernt, ihre Schwierigkeiten zu überspielen. Nach außen funktioniert vieles. Innerlich kostet es oft deutlich mehr Kraft als andere sehen.

ADHS ist keine Charakterschwäche

Menschen mit ADHS hören häufig Sätze wie: „Reiß dich zusammen“, „Du musst dich besser organisieren“ oder „Du bist einfach undiszipliniert.“ Solche Zuschreibungen sind meist nicht hilfreich.

ADHS ist keine Faulheit und keine Charakterschwäche. Es handelt sich um eine neurobiologische Besonderheit, die unter anderem Aufmerksamkeit, Impulskontrolle, Aktivierungsniveau, Reizverarbeitung und Selbststeuerung betreffen kann.

Das bedeutet nicht, dass Betroffene nichts verändern können. Im Gegenteil: Viele können mit passender Unterstützung sehr viel lernen. Aber der Ausgangspunkt ist wichtig. Wer ADHS nur als persönliches Versagen versteht, entwickelt oft zusätzlich Scham, Selbstkritik, Erschöpfung oder depressive Verstimmungen.

Ein hilfreicher therapeutischer Zugang beginnt daher mit Entlastung: Es geht nicht darum, sich selbst zu beschuldigen. Es geht darum, besser zu verstehen, wie das eigene Gehirn funktioniert und welche Strategien tatsächlich passen.

Warum ADHS im Erwachsenenalter oft spät erkannt wird

Viele Erwachsene mit ADHS wurden als Kinder nicht diagnostiziert. Manche waren verträumt, unruhig, impulsiv oder chaotisch, wurden aber nicht fachlich abgeklärt. Andere waren schulisch erfolgreich und haben ihre Schwierigkeiten lange durch Intelligenz, Anstrengung oder Anpassung kompensiert.

Oft wird ADHS erst dann sichtbar, wenn die Anforderungen steigen: Studium, Beruf, Partnerschaft, Elternschaft, Selbstständigkeit, Verantwortung, Verwaltung, finanzielle Themen oder mehrere Rollen gleichzeitig.

Dann reichen bisherige Kompensationsstrategien nicht mehr aus. Es entsteht das Gefühl:

„Ich strenge mich an, aber ich bekomme mein Leben trotzdem nicht so geregelt, wie ich es eigentlich könnte.“

Genau an diesem Punkt kann eine fachliche Abklärung sinnvoll sein.

Diagnostische Abklärung

Die Diagnose von ADHS oder ADS bei Erwachsenen sollte sorgfältig erfolgen. Sie basiert nicht auf einem einzelnen Online-Test, sondern auf einer umfassenden klinischen Einschätzung.

Zur Abklärung können gehören:

  • ein ausführliches diagnostisches Gespräch
  • Erhebung der aktuellen Symptome
  • Rückblick auf Kindheit, Schule und Entwicklung
  • Fragen zu Beruf, Beziehungen und Alltag
  • standardisierte Fragebögen oder Testverfahren
  • Abklärung möglicher Begleiterkrankungen
  • gegebenenfalls fachärztliche oder klinisch-psychologische Diagnostik

Eine genaue Abklärung ist wichtig, weil ADHS-Symptome auch mit anderen Belastungen verwechselt werden können – etwa mit Depression, Angststörungen, Traumafolgen, Schlafproblemen, Suchterkrankungen, Autismus-Spektrum, Hochbegabung oder chronischer Überforderung.

Eine Diagnose kann entlastend sein, wenn sie hilft, das eigene Erleben besser zu verstehen. Sie sollte aber nie zur Schublade werden. Entscheidend bleibt die Frage: Was brauchen Sie konkret im Alltag?

ADHS, Selbstwert und Scham

Viele Erwachsene mit ADHS haben eine lange Geschichte von Kritik hinter sich: zu unordentlich, zu langsam, zu schnell, zu empfindlich, zu sprunghaft, zu chaotisch, zu unzuverlässig oder zu wenig konsequent.

Solche Erfahrungen können Spuren hinterlassen. Häufig entstehen innere Sätze wie:

  • „Mit mir stimmt etwas nicht.“
  • „Ich enttäusche andere ständig.“
  • „Ich bekomme einfache Dinge nicht hin.“
  • „Ich bin zu viel.“
  • „Ich bin nicht belastbar genug.“

Psychotherapie kann helfen, diese Selbstabwertung zu verstehen und zu verändern. Es geht nicht darum, Schwierigkeiten schönzureden. Es geht darum, realistisch und zugleich respektvoll mit sich selbst umzugehen.

Psychotherapeutische Behandlung bei ADHS und ADS

Psychotherapie kann Erwachsene mit ADHS dabei unterstützen, Symptome besser zu verstehen und alltagstaugliche Strategien zu entwickeln. Dabei geht es nicht nur um „mehr Disziplin“, sondern um passendere Formen von Selbststeuerung.

Mögliche Themen in der Psychotherapie sind:

  • Alltagsstruktur und Zeitplanung verbessern
  • Aufschieben und Vermeidung besser verstehen
  • Prioritäten klarer setzen
  • Impulsivität wahrnehmen und regulieren
  • mit Reizüberflutung umgehen
  • emotionale Überreaktionen besser einordnen
  • Selbstwert und Selbstakzeptanz stärken
  • Kommunikation in Beziehungen verbessern
  • Scham und Selbstkritik reduzieren
  • realistische Strategien für Arbeit, Familie und Alltag entwickeln

Psychotherapie kann auch helfen, alte Deutungen zu überprüfen. Statt „Ich bin unfähig“ kann ein genauerer Blick entstehen: „Ich brauche andere Strukturen, klare Reize, passende Pausen und realistische Planung.“

Systemische Therapie bei ADHS

Systemische Therapie betrachtet ADHS nicht nur als individuelles Symptom, sondern auch im Zusammenhang mit Beziehungen, Rollen, Erwartungen und Alltagsstrukturen.

Das ist besonders wichtig, weil ADHS selten nur eine einzelne Person betrifft. Häufig wirkt es sich auf Partnerschaft, Familie, Arbeit, Kommunikation und Konfliktmuster aus.

In der systemischen Arbeit können Fragen hilfreich sein wie:

  • Welche Situationen verstärken die Symptome?
  • Welche Strukturen helfen bereits?
  • Welche Erwartungen führen zu Druck?
  • Wo entstehen Missverständnisse in Beziehungen?
  • Wie reagieren Partnerin, Partner, Familie oder Kolleg:innen?
  • Welche bisherigen Lösungen funktionieren – und welche erschöpfen nur?

Ziel ist nicht, eine Person „anzupassen“, sondern hilfreichere Muster im Alltag und in Beziehungen zu entwickeln.

Medikamentöse Behandlung

Bei ADHS im Erwachsenenalter kann auch eine fachärztliche Behandlung sinnvoll sein. Häufig eingesetzte Medikamente sind Stimulanzien wie Methylphenidat oder Amphetamine. Sie können Aufmerksamkeit und Impulskontrolle unterstützen, indem sie auf bestimmte Botenstoffsysteme im Gehirn wirken.

Daneben gibt es nicht-stimulierende Medikamente wie Atomoxetin, die auf andere Weise wirken können.

Ob Medikamente sinnvoll sind, sollte mit einer Fachärztin oder einem Facharzt für Psychiatrie bzw. mit entsprechend spezialisierten Ärzt:innen geklärt werden. Medikamente sind keine Persönlichkeitsveränderung und keine einfache Lösung für alle Lebensbereiche. Sie können aber bei manchen Menschen eine wichtige Unterstützung sein, damit psychotherapeutische und alltagspraktische Veränderungen besser gelingen.

Psychotherapie und medikamentöse Behandlung schließen einander nicht aus. Sie können sich sinnvoll ergänzen.

Begleiterkrankungen mitbeachten

Bei Erwachsenen mit ADHS treten häufig zusätzliche Belastungen auf. Diese sollten ernst genommen und in der Behandlung mitbedacht werden.

Mögliche Begleitprobleme sind:

  • Depressionen oder depressive Verstimmungen
  • Angststörungen
  • Schlafprobleme
  • Sucht oder riskanter Konsum
  • Essstörungen
  • chronischer Stress
  • Burnout
  • Beziehungskonflikte
  • Selbstwertprobleme
  • Autismus-Spektrum oder andere Formen von Neurodivergenz

Eine gute Behandlung schaut deshalb nicht nur auf die ADHS-Symptome, sondern auf den ganzen Menschen und seine Lebenssituation.

Was im Alltag hilfreich sein kann

Alltagsstrategien ersetzen keine Diagnostik und keine Psychotherapie, können aber unterstützend wirken.

Hilfreich können sein:

  • klare Tages- und Wochenstrukturen
  • sichtbare Erinnerungen statt bloßer Vorsätze
  • kleine Arbeitsschritte statt großer unübersichtlicher Aufgaben
  • Timer, Kalender und schriftliche Checklisten
  • Reize reduzieren, wenn Konzentration nötig ist
  • Pausen bewusst einplanen
  • Bewegung zur Regulation nutzen
  • wichtige Entscheidungen nicht im Zustand starker Überreizung treffen
  • Aufgaben mit anderen gemeinsam strukturieren
  • Selbstvorwürfe durch konkrete Problemlösung ersetzen

Entscheidend ist: Strategien müssen zum eigenen Leben passen. Was für andere funktioniert, muss für Menschen mit ADHS nicht automatisch hilfreich sein.

Wann ein Erstgespräch sinnvoll sein kann

Ein Erstgespräch kann sinnvoll sein, wenn Sie vermuten, dass ADHS oder ADS bei Ihnen eine Rolle spielt, oder wenn Aufmerksamkeit, Organisation, innere Unruhe, Impulsivität oder emotionale Überforderung Ihren Alltag zunehmend belasten.

Sie brauchen dafür keine fertige Diagnose. Es reicht, wenn Sie merken, dass Sie Unterstützung brauchen, um Ihre Schwierigkeiten besser zu verstehen und nächste Schritte zu klären.

Im Erstgespräch können wir gemeinsam besprechen, was Sie belastet, ob eine klinisch-psychologische oder fachärztliche Abklärung sinnvoll ist und wie Psychotherapie Sie im Alltag unterstützen kann.


Kontakt & Erstgespräch

Wenn Sie vermuten, dass ADHS oder ADS bei Ihnen eine Rolle spielt, oder wenn Aufmerksamkeit, Organisation, innere Unruhe, Impulsivität oder Erschöpfung Ihren Alltag belasten, kann ein persönliches Erstgespräch helfen. Wir klären gemeinsam, was Sie beschäftigt, welche Abklärung sinnvoll sein könnte und wie Psychotherapie Sie unterstützen kann.

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Telefon/SMS/Signal: 0676 730 37 89

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Praxis: Ruckerlberggürtel 13 (2. Stock, Tür 6), 8010 Graz


Mögliche Anlaufstellen zur ADHS-Abklärung bei Erwachsenen

Die folgenden Hinweise können eine erste Orientierung geben. Bitte prüfen Sie aktuelle Angebote, Kosten, Kassenregelungen, Wartezeiten, Adresse und Kontaktmöglichkeiten direkt bei der jeweiligen Stelle.

Klinisch-psychologische Diagnostik

Mag.a Birgit Brenner, Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin, Klinisch-psychologische Diagnostik in Graz

Mag. Gerald Gritzner, Klinischer, Gesundheits- und Arbeitspsychologe, psychologische Diagnostik, Rupert-Schmid-Platz 1, 8501 Lieboch, Telefon: 0650 35 68 776

Dr.in Mariella Panagl-Zapfl, Klinische und Gesundheitspsychologin, Praxis für klinisch-psychologische Diagnostik, Greisdorf 5, 8511 St. Stefan ob Stainz, Telefon: 0680 335 0094

Mag. Petra Tscharnuter, Klinische und Gesundheitspsychologin, Wahlpsychologin, psychologische Diagnostik, Triester Straße 367/1. Stock, 8055 Graz-Puntigam, Telefon: 0650 445 25 27

Weitere Suchmöglichkeiten

Übersicht aller Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie in Graz

Übersicht aller Psychologinnen und Psychologen in Graz

Gruppenangebot für Erwachsene mit ADHS

Systemische Therapiegruppe für Erwachsene mit ADHS bei Mag. Barbara Tröbinger


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