Stress bewältigen: Wenn Anspannung, Druck und Erschöpfung zu viel werden

von Robert Riedl, Psychotherapeut

Viele Menschen fühlen sich beruflich oder privat dauerhaft gestresst. Sie stehen unter Druck, müssen funktionieren, Erwartungen erfüllen, Entscheidungen treffen, erreichbar bleiben und trotzdem irgendwie zur Ruhe kommen.

Stress ist nicht grundsätzlich schlecht. Kurzfristig kann er aktivieren, konzentrieren und leistungsfähig machen. Belastend wird Stress dann, wenn er über längere Zeit anhält, kaum Erholung möglich ist oder Körper und Psyche nicht mehr aus der Anspannung herausfinden.

Psychotherapie kann helfen, Stress nicht nur oberflächlich zu reduzieren, sondern die dahinterliegenden Muster besser zu verstehen: innere Antreiber, überhöhte Erwartungen, fehlende Grenzen, Konflikte, Erschöpfung, Unterforderung oder das Gefühl, ständig unter Strom zu stehen.

Wenn der Alltag zu schnell wird

Viele Menschen teilen heute das Gefühl, dass das Leben schneller, dichter und hektischer geworden ist. Berufliche Anforderungen, private Verpflichtungen, Familie, Partnerschaft, digitale Erreichbarkeit und der eigene Anspruch an ein gelungenes Leben können sich gegenseitig verstärken.

Bereits junge Menschen stehen häufig unter Druck: erfolgreich sein, eine gute Beziehung führen, körperlich fit bleiben, die Freizeit sinnvoll nützen, sozial funktionieren und gleichzeitig innerlich stabil bleiben.

Wer dauerhaft das Gefühl hat, nicht mehr nachzukommen, erlebt Stress nicht mehr als Herausforderung, sondern als Belastung. Typische Gedanken sind:

  • „Ich komme nicht mehr zur Ruhe.“
  • „Ich muss immer funktionieren.“
  • „Ich darf nichts vergessen.“
  • „Ich habe keine Zeit mehr für mich.“
  • „Wenn ich nachlasse, bricht alles zusammen.“

Wenn solche Gedanken über längere Zeit den Alltag bestimmen, kann ein Erstgespräch helfen, die eigene Belastung genauer einzuordnen.

Was passiert bei Stress im Körper?

Stress setzt im Körper einen biologischen Prozess in Gang. Stresshormone wie Cortisol und andere Botenstoffe helfen kurzfristig, auf Anforderungen zu reagieren. Der Körper wird wacher, angespannter und leistungsbereiter.

In akuten Gefahrensituationen ist das sinnvoll. Der Organismus bereitet sich auf Kampf, Flucht, Erstarren oder schnelles Handeln vor. Dieses Programm ist alt und grundsätzlich lebenswichtig.

Problematisch wird Stress, wenn der Körper über längere Zeit im Alarmzustand bleibt. Dann fehlen Phasen der Entspannung, Erholung und inneren Regulation. Die Folge können Schlafstörungen, Reizbarkeit, innere Unruhe, Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, Schmerzen oder depressive Verstimmungen sein.

Stress zeigt sich also nicht nur im Kopf. Er betrifft den ganzen Menschen: Körper, Gefühle, Gedanken, Beziehungen und Verhalten.

Stress ist nicht gleich Stress

Der Stressforscher Hans Selye unterschied zwischen negativem Stress und positivem Stress. Häufig wird dafür die Unterscheidung zwischen Disstress und Eustress verwendet.

Disstress entsteht, wenn Anforderungen als überfordernd, bedrohlich, sinnlos oder nicht bewältigbar erlebt werden. Er kann die Freude an der Arbeit verringern, Beziehungen belasten, die Leistungsfähigkeit schwächen und die Gesundheit gefährden.

Eustress entsteht, wenn eine Herausforderung als sinnvoll, interessant und bewältigbar erlebt wird. Dann kann Anspannung sogar belebend sein. Viele Menschen kennen das aus Sport, kreativer Arbeit, Lernen, Spielen oder beruflichen Aufgaben, bei denen sie in einen guten Arbeitsfluss kommen.

Stress hängt daher nicht nur von äußeren Anforderungen ab. Er hängt auch damit zusammen, wie wir eine Situation bewerten, welche Ressourcen wir haben und ob wir uns handlungsfähig erleben.

Warum dieselbe Situation unterschiedlich erlebt wird

Ein und dieselbe Situation kann für verschiedene Menschen völlig unterschiedlich wirken. Eine berufliche Veränderung kann bedrohlich erscheinen – oder als neue Möglichkeit erlebt werden. Eine Kündigung kann in eine Krise führen – oder langfristig eine Neuorientierung ermöglichen.

Damit ist nicht gemeint, dass man Stress einfach „positiv denken“ soll. Das wäre zu oberflächlich. Aber die eigene Bewertung spielt eine wichtige Rolle.

Psychotherapeutisch kann es hilfreich sein, genauer hinzuschauen:

  • Was genau macht diese Situation für mich belastend?
  • Welche Erwartungen habe ich an mich selbst?
  • Welche Befürchtungen stehen im Hintergrund?
  • Wo fühle ich mich ausgeliefert?
  • Welche Handlungsmöglichkeiten übersehe ich vielleicht?
  • Welche Unterstützung fehlt?

Stressbewältigung bedeutet daher nicht nur Entspannung. Sie bedeutet auch, die eigene Beziehung zu Anforderungen, Grenzen und Verantwortung besser zu verstehen.

Wenn Überforderung krank macht

Dauerstress kann sich auf vielen Ebenen zeigen. Manche Menschen werden erschöpft und müde. Andere werden gereizt, angespannt oder aggressiv. Wieder andere funktionieren nach außen weiter, obwohl innerlich kaum noch Kraft vorhanden ist.

Häufige Stresssymptome sind:

  • innere Unruhe und Nervosität
  • Schlafstörungen
  • verstärktes Schwitzen
  • kalte Hände oder Füße
  • Rücken-, Nacken- oder Kopfschmerzen
  • Magen-Darm-Beschwerden
  • Konzentrationsprobleme
  • Reizbarkeit und Ungeduld
  • Erschöpfung und Antriebslosigkeit
  • das Gefühl, ständig unter Strom zu stehen

Wenn solche Beschwerden länger anhalten, sollte Stress ernst genommen werden. Der Körper sendet dann oft bereits deutliche Signale, dass die bisherige Bewältigungsstrategie nicht mehr ausreicht.

Stress durch Unterforderung: Boreout

Nicht nur Überforderung kann Stress auslösen. Auch dauerhafte Unterforderung, Sinnverlust oder fehlende Entwicklungsmöglichkeiten können belastend sein. Dafür wird häufig der Begriff Boreout verwendet.

Wer im Alltag keine Erfüllung, keine sinnvolle Aufgabe oder keine lebendige Herausforderung erlebt, kann mit Energieverlust, Mutlosigkeit, innerer Leere und Resignation reagieren.

Die Anzeichen können einem Burnout ähneln: depressive Verstimmung, Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Rückzug oder das Gefühl, innerlich abzuschalten.

Auch hier kann Psychotherapie helfen, die Situation genauer zu verstehen: Geht es um Erschöpfung? Um Sinnverlust? Um blockierte Entscheidungen? Um Angst vor Veränderung? Oder um eine Lebensphase, in der bisherige Rollen nicht mehr passen?

Wie Psychotherapie bei Stress helfen kann

In der psychotherapeutischen Arbeit geht es zunächst darum, die persönlichen Stressoren zu erkennen: Was löst Stress aus? Was hält ihn aufrecht? Welche Muster wiederholen sich?

Als systemischer Psychotherapeut betrachte ich Stress nicht nur als individuelles Problem. Stress entsteht oft im Zusammenspiel von beruflichen Anforderungen, familiären Rollen, Beziehungsmustern, Selbstanspruch, Grenzen, Erwartungen und bisherigen Lösungsversuchen.

Mögliche Themen in der Therapie sind:

  • Stressauslöser und Belastungsmuster erkennen
  • innere Antreiber verstehen
  • Grenzen klarer wahrnehmen und kommunizieren
  • den eigenen Energiehaushalt genauer betrachten
  • Anspannung und Entspannung wieder besser regulieren
  • Schlaf und Erholung ernst nehmen
  • Stressgedanken und Bewertungen überprüfen
  • Konflikte und Beziehungsmuster einordnen
  • realistische nächste Schritte entwickeln

Ein wichtiger Teil der Therapie ist die Frage: Wohin geht Ihre Lebensenergie – und wo können Sie wieder Kraft auftanken?


Wann ein Erstgespräch sinnvoll sein kann

Ein Erstgespräch kann sinnvoll sein, wenn Stress, Anspannung, Schlafprobleme, Gereiztheit oder Erschöpfung Ihren Alltag zunehmend belasten.

Sie brauchen keine fertige Diagnose. Es reicht, wenn Sie merken, dass Sie nicht mehr gut zur Ruhe kommen, sich unter Druck fühlen oder mit den bisherigen Strategien nicht mehr ausreichend weiterkommen.

Im Erstgespräch klären wir gemeinsam, welche Belastungen im Vordergrund stehen, welche Muster erkennbar sind und welche nächsten Schritte sinnvoll erscheinen.


Kontakt & Erstgespräch

Wenn Stress, innere Anspannung, Schlafprobleme oder Erschöpfung Ihren Alltag zunehmend belasten, kann ein persönliches Erstgespräch helfen. Wir klären gemeinsam, was Sie unter Druck setzt, welche Muster sich zeigen und welche nächsten Schritte sinnvoll erscheinen.

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