Was ist der Unterschied zwischen Psychotherapeut, Psychiater und Psychologe?

von Robert Riedl, Psychotherapeut

Wenn Menschen psychisch belastet sind, taucht oft zuerst eine ganz praktische Frage auf: Zu wem soll ich eigentlich gehen? Psychotherapeut, Psychiater, Psychologe – diese Begriffe klingen ähnlich, bezeichnen aber unterschiedliche Berufe mit unterschiedlichen Aufgaben.

Alle drei Berufsgruppen beschäftigen sich mit seelischem Leid, psychischen Belastungen und menschlichem Erleben. Trotzdem gibt es wichtige Unterschiede bei Ausbildung, Zuständigkeit, Behandlung und Diagnostik.

Für Betroffene ist diese Unterscheidung wichtig, weil sie helfen kann, den passenden ersten Schritt zu finden: ein psychotherapeutisches Erstgespräch, eine ärztlich-psychiatrische Abklärung, eine klinisch-psychologische Diagnostik – oder eine sinnvolle Kombination davon.

Warum diese Unterscheidung wichtig ist

Wer unter Erschöpfung, Burnout, depressiver Stimmung, Angst, Panik, Schlafproblemen, Beziehungskrisen oder anderen psychischen Belastungen leidet, ist oft ohnehin schon verunsichert. Dann kann es zusätzlich belasten, nicht zu wissen, welche Anlaufstelle richtig ist.

Vereinfacht gesagt:

  • Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten behandeln psychisches Leid mit psychotherapeutischen Gesprächen und wissenschaftlich anerkannten Methoden.
  • Psychiaterinnen und Psychiater sind Fachärztinnen und Fachärzte und können medizinisch abklären sowie Medikamente verschreiben.
  • Psychologinnen und Psychologen beschäftigen sich mit Erleben und Verhalten; klinische Psychologinnen und Psychologen führen häufig Diagnostik, Beratung und psychologische Behandlung durch.

In der Praxis können sich die Bereiche überschneiden. Gerade bei stärkeren Belastungen ist Zusammenarbeit oft sinnvoll: Psychotherapie, ärztliche Abklärung und psychologische Diagnostik können einander ergänzen.

Was macht ein Psychotherapeut?

Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sind dazu berechtigt, psychische Leidenszustände mit psychotherapeutischen Methoden zu behandeln. Der Begriff Psychotherapeut ist in Österreich rechtlich geschützt und im Psychotherapiegesetz geregelt.

Psychotherapie umfasst die Diagnose und Behandlung psychischer Beschwerden mit wissenschaftlich anerkannten psychotherapeutischen Methoden. Dazu gehören Gespräche, Beziehungsgestaltung, Arbeit an inneren Mustern, Ressourcenaktivierung, neue Sichtweisen und konkrete Schritte im Alltag.

Ein Psychotherapeut darf jedoch keine rezeptpflichtigen Medikamente verschreiben, also zum Beispiel keine Antidepressiva. Das dürfen ausschließlich Ärztinnen und Ärzte. Wenn es sinnvoll ist, arbeiten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten deshalb – mit Zustimmung der Klientin oder des Klienten – mit Hausärztinnen, Hausärzten oder Fachärztinnen und Fachärzten zusammen.

Die psychotherapeutische Ausbildung ist umfangreich und dauert mehrere Jahre. Sie umfasst unter anderem Theorie, Selbsterfahrung, praktische Tätigkeit, Supervision und ein Fachspezifikum in einer anerkannten psychotherapeutischen Methode.

Ich selbst arbeite psychotherapeutisch mit der Methode der Systemischen Therapie. Dabei wird der Mensch nicht isoliert betrachtet, sondern in Zusammenhang mit seinen Beziehungen, Lebensumständen, bisherigen Lösungsversuchen, inneren Mustern und vorhandenen Ressourcen.

Was macht ein Psychiater?

Ein Psychiater oder eine Psychiaterin ist Facharzt bzw. Fachärztin für Psychiatrie. Das bedeutet: Zuerst wurde Medizin studiert, danach erfolgte eine fachärztliche Spezialisierung auf psychische Erkrankungen und seelische Krisen.

Die Psychiatrie beschäftigt sich mit Diagnostik, medizinischer Einschätzung und häufig auch mit medikamentöser Behandlung psychischer Erkrankungen. Psychiaterinnen und Psychiater können Medikamente verschreiben, zum Beispiel Antidepressiva, angstlösende Medikamente, Schlafmedikation oder andere Psychopharmaka.

Eine psychiatrische Abklärung kann besonders wichtig sein, wenn Symptome stark ausgeprägt sind, der Schlaf massiv gestört ist, Suizidgedanken auftreten, der Alltag kaum noch bewältigt werden kann oder Medikamente bereits eine Rolle spielen.

Ein Psychiater ist vom Neurologen zu unterscheiden. Die Neurologie beschäftigt sich stärker mit Erkrankungen des Nervensystems. In der Praxis gibt es aber Überschneidungen, etwa bei Störungen, die sowohl körperlich-neurologische als auch psychische Folgen haben.

Ein Beispiel: Beim Tourette-Syndrom können unwillkürliche Tics auftreten. Medizinisch wird dies dem neurologischen Bereich zugeordnet. Gleichzeitig können Betroffene psychisch stark leiden, sich schämen, sich zurückziehen oder soziale Ängste entwickeln. Dann kann zusätzlich Psychotherapie sinnvoll sein.

Was macht ein Psychologe?

Ein Psychologe oder eine Psychologin hat Psychologie studiert. Psychologie beschäftigt sich mit menschlichem Erleben, Verhalten, Denken, Fühlen und Entwicklung über die Lebensspanne.

Viele Psychologinnen und Psychologen absolvieren Zusatzausbildungen, zum Beispiel zur Klinischen Psychologin bzw. zum Klinischen Psychologen oder zur Gesundheitspsychologin bzw. zum Gesundheitspsychologen.

Klinische Psychologinnen und Psychologen sind besonders wichtig, wenn es um eine ausführliche psychologische Diagnostik geht. Eine solche Abklärung kann sinnvoll sein, wenn Beschwerden unklar sind, verschiedene Störungsbilder ähnlich wirken oder eine genauere Einschätzung benötigt wird.

Psychologische Diagnostik kann etwa bei Depression, Angst, ADHS, Autismus-Spektrum, Leistungsproblemen, Persönlichkeitsfragen oder komplexeren psychischen Belastungen hilfreich sein. Sie kann Psychotherapie unterstützen, ersetzt aber nicht automatisch eine psychotherapeutische Behandlung.

Psychologinnen und Psychologen arbeiten außerdem in vielen anderen Bereichen: Forschung, Wirtschaft, Personalwesen, Verkehrspsychologie, Beratung, Gesundheitsförderung, Schulen, Kliniken oder sozialen Einrichtungen.

Was ist der wichtigste Unterschied?

Der Unterschied liegt vor allem in Ausbildung, Auftrag und Arbeitsweise.

  • Psychotherapie bietet Behandlung durch eine therapeutische Beziehung und anerkannte psychotherapeutische Methoden.
  • Psychiatrie bietet ärztliche Diagnostik, medizinische Einschätzung und bei Bedarf medikamentöse Behandlung.
  • Klinische Psychologie bietet psychologische Diagnostik, psychologische Behandlung und Beratung.

Für Menschen, die eine Psychotherapie überlegen, ist besonders wichtig: Sie müssen nicht vorab alles richtig einordnen. Wenn Sie unsicher sind, kann ein Erstgespräch helfen, Ihre Situation gemeinsam zu klären und gegebenenfalls auch eine zusätzliche ärztliche oder psychologische Abklärung zu empfehlen.

Wann ist Psychotherapie sinnvoll?

Psychotherapie kann sinnvoll sein, wenn seelische Belastungen länger anhalten, stärker werden oder den Alltag beeinträchtigen.

Häufige Gründe für ein Erstgespräch sind:

  • Burnout und Erschöpfung
  • depressive Verstimmungen
  • Angst, Panik oder innere Unruhe
  • Schlafprobleme
  • Lebenskrisen, Trennung oder Verlust
  • Beziehungskonflikte
  • Überforderung in Familie oder Beruf
  • psychosomatische Beschwerden
  • das Gefühl, allein nicht mehr gut weiterzukommen

Psychotherapie kann helfen, Belastungen besser zu verstehen, innere und äußere Muster zu erkennen, Ressourcen wieder zugänglich zu machen und konkrete nächste Schritte zu entwickeln.

Wann ist eine psychiatrische Abklärung sinnvoll?

Eine psychiatrische Abklärung kann sinnvoll oder notwendig sein, wenn die Belastung sehr stark ist oder körperliche, medizinische oder medikamentöse Fragen im Vordergrund stehen.

Das gilt besonders bei:

  • schwerer Depression
  • Suizidgedanken
  • starker Schlaflosigkeit
  • Psychosen oder Realitätsverlust
  • massiver Angst oder Panik
  • starker Antriebshemmung
  • Verdacht auf Nebenwirkungen von Medikamenten
  • Fragen zu Psychopharmaka

Psychiatrie und Psychotherapie schließen einander nicht aus. Im Gegenteil: Bei manchen Belastungen ist die Kombination aus psychotherapeutischer Behandlung und ärztlich-psychiatrischer Begleitung besonders hilfreich.

Wann ist psychologische Diagnostik sinnvoll?

Eine klinisch-psychologische Diagnostik kann sinnvoll sein, wenn Sie oder Ihre behandelnden Fachpersonen eine genauere Einschätzung brauchen.

Das kann zum Beispiel der Fall sein bei:

  • unklaren Symptomen
  • Verdacht auf ADHS oder Autismus-Spektrum
  • länger bestehenden Konzentrations- oder Leistungsproblemen
  • komplexen Angst- oder Depressionssymptomen
  • Fragestellungen zu Persönlichkeit, Belastbarkeit oder kognitiver Leistungsfähigkeit
  • Gutachten oder formalen Abklärungen

Eine Diagnose ist nicht immer Voraussetzung für ein Erstgespräch in Psychotherapie. Sie kann aber hilfreich sein, wenn Beschwerden schwer einzuordnen sind oder wenn mehrere Belastungsbereiche zusammenkommen.

Wie kann die Zusammenarbeit aussehen?

In vielen Fällen reicht ein psychotherapeutisches Erstgespräch als erster Schritt. Dort kann geklärt werden, worum es geht, ob Psychotherapie passend ist und ob zusätzlich eine ärztliche oder psychologische Abklärung sinnvoll erscheint.

Manchmal ist Zusammenarbeit besonders wichtig. Zum Beispiel, wenn Medikamente eingenommen werden, eine schwere Depression vorliegt, eine Diagnose unklar ist oder körperliche Beschwerden mit psychischer Belastung zusammenhängen.

Mit Ihrer Zustimmung kann Psychotherapie dann mit Hausärztinnen, Hausärzten, Psychiaterinnen, Psychiatern oder klinischen Psychologinnen und Psychologen abgestimmt werden. Ziel ist nicht, möglichst viele Stellen einzubinden, sondern genau jene Unterstützung zu finden, die für Ihre Situation wirklich hilfreich ist.


Mögliche Anlaufstellen in Graz

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Kassen-Psychologinnen und Kassen-Psychologen

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Dr. Brigitte Fuchs-Nieder

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Dr. René Yazdani

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Wenn Sie unsicher sind, ob Psychotherapie, psychiatrische Abklärung oder psychologische Diagnostik der richtige erste Schritt ist, kann ein Erstgespräch helfen. Wir klären gemeinsam Ihre aktuelle Situation und besprechen, welche Unterstützung für Ihr Anliegen sinnvoll erscheint.

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