Psychosomatische Schmerzen: Wenn Körper und Seele zusammenwirken

von Robert Riedl, Psychotherapeut

Chronische Schmerzen können das Leben stark belasten. Besonders schwierig wird es, wenn körperliche Beschwerden bestehen, aber medizinische Untersuchungen keine ausreichende organische Ursache finden. Betroffene hören dann manchmal Sätze wie „Da ist nichts“ – obwohl der Schmerz sehr real ist.

Bei sogenannten psychosomatischen Schmerzen oder somatoformen Schmerzstörungen geht es nicht um eingebildete Beschwerden. Der Körper leidet tatsächlich. Gleichzeitig spielen seelische Belastungen, Stress, Angst, Anspannung, frühere Erfahrungen, Beziehungskonflikte oder unverarbeitete Krisen oft eine wichtige Rolle dabei, wie Schmerzen entstehen, verstärkt werden oder bestehen bleiben.

Psychotherapie kann helfen, den Umgang mit chronischen oder psychosomatischen Schmerzen zu verbessern, Leidensdruck zu verringern und wieder mehr Handlungsspielraum im Alltag zu entwickeln.

Wenn Schmerzen bleiben, obwohl kein klarer Befund gefunden wird

Viele Menschen mit psychosomatischen Beschwerden fühlen sich nicht ernst genommen. Sie haben Schmerzen, suchen ärztliche Hilfe, lassen Untersuchungen machen – und dennoch findet sich keine ausreichende organische Erklärung für ihr Leiden.

Das bedeutet nicht, dass die Schmerzen „nicht echt“ sind. Schmerz ist immer eine reale Erfahrung. Er entsteht nicht nur an der betroffenen Körperstelle, sondern auch im Nervensystem, im Gehirn, in der Aufmerksamkeit, im Stresssystem und in der persönlichen Lebenssituation.

Gerade deshalb kann es so belastend sein, wenn körperliche Befunde unauffällig bleiben. Betroffene fragen sich dann oft:

  • „Warum tut es weh, wenn angeblich nichts gefunden wurde?“
  • „Bilde ich mir das ein?“
  • „Warum glaubt mir niemand?“
  • „Werde ich diese Schmerzen nie mehr los?“
  • „Was stimmt mit mir nicht?“

Solche Fragen können zusätzlich verunsichern und den Schmerz noch stärker in den Mittelpunkt des Lebens rücken.

Was bedeutet psychosomatisch?

Psychosomatisch bedeutet, dass Körper und Psyche zusammenwirken. Seelische Belastungen können körperliche Beschwerden verstärken, und körperliche Beschwerden können wiederum psychisch belasten.

Das heißt nicht: „Alles ist nur psychisch.“ Es heißt vielmehr: Der Mensch ist keine Maschine mit getrennten Einzelteilen. Körper, Nervensystem, Gefühle, Gedanken, Beziehungen, Stress und Lebensgeschichte beeinflussen einander.

Bei psychosomatischen Schmerzen kann der Körper zum Ausdruck bringen, dass etwas im gesamten System überlastet ist. Manchmal sind es Dauerstress, Überforderung oder Angst. Manchmal alte Verletzungen, Konflikte, Schuldgefühle, Scham, Trauer oder traumatische Erfahrungen. Manchmal auch eine lange Geschichte medizinischer Behandlungen, Unsicherheit und Angst vor erneuten Schmerzen.

Schmerz ist subjektiv – aber nicht beliebig

Schmerz lässt sich nicht vollständig objektiv messen. Medizinische Befunde können wichtige Hinweise geben, aber sie erklären nicht immer, wie stark ein Mensch leidet.

Zwei Menschen können ähnliche körperliche Befunde haben und sehr unterschiedlich unter Schmerzen leiden. Umgekehrt können starke Schmerzen bestehen, obwohl Untersuchungen keine klare organische Ursache zeigen.

Entscheidend ist daher nicht nur die Frage: „Was ist körperlich zu finden?“ Sondern auch:

  • Wie stark bestimmt der Schmerz den Alltag?
  • Wie viel Aufmerksamkeit bindet er?
  • Welche Bewegungen oder Situationen werden vermieden?
  • Welche Angst ist mit dem Schmerz verbunden?
  • Welche Bedeutung hat der Schmerz im eigenen Leben bekommen?
  • Was hilft, was verschlimmert, was entlastet?

Psychotherapie setzt genau an dieser Stelle an: nicht gegen den Menschen, sondern mit dem Menschen und seinem Schmerzerleben.

Wenn die Aufmerksamkeit am Schmerz hängen bleibt

Schmerz zieht Aufmerksamkeit auf sich. Das ist zunächst sinnvoll, weil Schmerz warnen und schützen soll. Wenn Schmerzen aber chronisch werden, kann diese Schutzfunktion aus dem Gleichgewicht geraten.

Viele Betroffene beobachten den Körper immer genauer. Jede Veränderung wird geprüft. Jede Bewegung wird bewertet. Der Alltag wird zunehmend danach organisiert, was Schmerzen auslösen oder verschlimmern könnte.

Manche Menschen vermeiden dann immer mehr: Bewegung, soziale Kontakte, Arbeit, Nähe, Belastung, bestimmte Orte oder Situationen. Kurzfristig kann Vermeidung entlasten. Langfristig wird der Lebensraum dadurch aber kleiner.

Andere Menschen schaffen es trotz Schmerzen, aktiv zu bleiben und ihr Leben weniger stark einschränken zu lassen. Dieser Unterschied zeigt: Nicht nur der Schmerz selbst ist entscheidend, sondern auch der Umgang mit ihm.

Das Schmerzgedächtnis

Bei chronischen Schmerzen kann sich ein sogenanntes Schmerzgedächtnis entwickeln. Das Nervensystem wird empfindlicher. Es reagiert schneller, stärker und länger auf Reize, die früher vielleicht weniger belastend gewesen wären.

Dann kann Schmerz auch dann bestehen bleiben, wenn die ursprüngliche körperliche Ursache nicht mehr im Vordergrund steht oder nicht ausreichend erklärbar ist.

Psychotherapeutisch kann es hilfreich sein, dieses Schmerzgedächtnis nicht als Feind zu betrachten, sondern als erlernte Schutzreaktion des Körpers. Ziel ist dann, dem Nervensystem schrittweise neue Erfahrungen zu ermöglichen: Sicherheit, Beruhigung, Beweglichkeit, Selbstwirksamkeit und weniger Angst vor dem eigenen Körper.

Was Psychotherapie bei psychosomatischen Schmerzen leisten kann

Psychotherapie ist ein wichtiger Bestandteil in der Behandlung von Menschen mit chronischen oder psychosomatischen Schmerzen. Dabei geht es nicht um die Behauptung, Schmerzen würden einfach verschwinden, wenn man genug darüber spricht.

Es geht vielmehr darum, den Umgang mit Schmerzen zu verändern, das Leid zu verringern und wieder mehr Einfluss auf das eigene Leben zu gewinnen.

Mögliche Themen in der Therapie sind:

  • den Zusammenhang zwischen Schmerz, Stress, Angst und Anspannung besser verstehen
  • den Umgang mit chronischen Beschwerden verändern
  • Aufmerksamkeit bewusst lenken lernen
  • Vermeidung und Rückzug schrittweise verringern
  • Selbstwert und Selbstwirksamkeit stärken
  • belastende Gefühle wie Hilflosigkeit, Wut, Scham oder Angst einordnen
  • einen besseren Umgang mit medizinischer Unsicherheit entwickeln
  • traumatische oder stark belastende Erfahrungen behutsam bearbeiten
  • wieder mehr Lebensqualität trotz Beschwerden ermöglichen

Als systemischer Psychotherapeut betrachte ich Schmerzen nicht isoliert. Wichtig sind auch Ihre Lebenssituation, Beziehungen, Belastungen, bisherigen Lösungsversuche, Ängste, Ressourcen und die Frage, welche Rolle der Schmerz in Ihrem Alltag eingenommen hat.

Achtsamkeit: Schmerz wahrnehmen, ohne nur Schmerz zu sein

Ein wichtiger therapeutischer Zugang bei chronischen Schmerzen ist Achtsamkeit. Dabei geht es nicht darum, Schmerz gutzufinden oder sich damit abzufinden. Es geht darum, anders mit dem Schmerz in Beziehung zu treten.

Viele Menschen erleben Schmerz so, als würde er die ganze Person ausfüllen. In der Achtsamkeit kann schrittweise erfahrbar werden:

Ich habe Schmerzen – aber ich bin nicht nur dieser Schmerz.

Das klingt einfach, kann aber therapeutisch bedeutsam sein. Wenn es gelingt, Schmerz zu registrieren, ohne automatisch in Angst, Kampf, Verzweiflung oder völlige Fixierung zu geraten, entsteht etwas mehr innerer Abstand.

Hilfreich können dabei Atemübungen, Imaginationsübungen, Körperwahrnehmung, innere sichere Orte oder achtsame Aufmerksamkeitslenkung sein. Manche Menschen lernen, den Schmerz wahrzunehmen und gleichzeitig andere Bereiche des Erlebens wieder zugänglicher zu machen.

Schmerz, Stress und Gefühle

Schmerzen können durch Stress verstärkt werden. Wer dauerhaft angespannt ist, schläft oft schlechter, bewegt sich weniger frei, atmet flacher und ist innerlich stärker alarmiert. Dadurch kann der Körper empfindlicher auf Schmerz reagieren.

Auch Gefühle spielen eine Rolle. Wut, Angst, Trauer, Scham oder Hilflosigkeit können sich körperlich niederschlagen. Umgekehrt können Schmerzen genau diese Gefühle verstärken.

Ein häufiger Kreislauf sieht so aus:

  • Schmerz tritt auf.
  • Der Schmerz wird als bedrohlich erlebt.
  • Angst und Anspannung steigen.
  • Der Körper wird empfindlicher.
  • Der Schmerz rückt noch stärker in den Mittelpunkt.
  • Vermeidung, Rückzug und Grübeln nehmen zu.

Psychotherapie kann helfen, diesen Kreislauf zu erkennen und an verschiedenen Stellen zu unterbrechen.

Hypnotherapeutische und imaginative Übungen

Bei psychosomatischen Schmerzen können auch imaginative oder hypnotherapeutisch orientierte Übungen hilfreich sein. Dabei werden innere Bilder, Körperwahrnehmung und Aufmerksamkeitslenkung genutzt, um das Nervensystem zu beruhigen und neue Erfahrungen mit dem Schmerz zu ermöglichen.

Solche Übungen können zum Beispiel helfen, die Aufmerksamkeit weg vom Schmerz zu lenken, einen inneren sicheren Ort aufzubauen oder dem Körper ein Gefühl von Schutz und Entlastung zu vermitteln.

Wichtig ist dabei eine sorgfältige und behutsame Anwendung. Besonders bei traumatischen Erfahrungen sollte nicht vorschnell mit intensiven inneren Bildern gearbeitet werden. Stabilisierung und Sicherheit kommen zuerst.

Wenn Trauma-Erfahrungen eine Rolle spielen

Bei manchen Menschen stehen chronische oder psychosomatische Beschwerden im Zusammenhang mit früheren belastenden oder traumatischen Erfahrungen. Das bedeutet nicht, dass jeder Schmerz traumatisch bedingt ist. Aber es kann sinnvoll sein, diesen Zusammenhang achtsam zu prüfen.

Der Körper erinnert sich manchmal an Belastungen, auch wenn Worte fehlen oder wenn die Person „eigentlich“ längst weiterleben möchte.

Eine behutsame psychotherapeutische Auseinandersetzung mit belastenden Erfahrungen kann helfen, wenn klar wird, dass alte Verletzungen, Angst, Scham, Kontrollverlust oder dauerhafte Anspannung bis heute körperlich nachwirken.

Dabei geht es nicht darum, jemanden in alte Schmerzen hineinzudrängen. Es geht darum, Sicherheit, Stabilität und Selbststeuerung aufzubauen, bevor schwierige Themen vertieft werden.

Psychotherapie ersetzt keine medizinische Abklärung

Bei Schmerzen ist eine medizinische Abklärung wichtig. Neue, starke, ungewohnte oder sich verschlechternde Schmerzen sollten ärztlich untersucht werden.

Psychotherapie ist keine Ersatzmedizin. Sie kann aber eine wichtige Ergänzung sein, wenn medizinische Befunde keine ausreichende Erklärung liefern, wenn chronische Schmerzen bestehen oder wenn die seelische Belastung durch Schmerzen groß geworden ist.

Besonders sinnvoll kann eine Zusammenarbeit unterschiedlicher Fachrichtungen sein: Hausärztin oder Hausarzt, Fachärztinnen und Fachärzte, Schmerzambulanz, Physiotherapie, Psychotherapie und gegebenenfalls Psychiatrie.

Wann ein Erstgespräch sinnvoll sein kann

Ein Erstgespräch kann sinnvoll sein, wenn Schmerzen, körperliche Beschwerden oder psychosomatische Belastungen Ihren Alltag zunehmend bestimmen.

Sie brauchen dafür keine perfekte Erklärung. Es reicht, wenn Sie merken, dass der Schmerz nicht nur körperlich, sondern auch seelisch belastet: durch Angst, Grübeln, Rückzug, Erschöpfung, Hilflosigkeit oder das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden.

Im Erstgespräch klären wir gemeinsam, was Sie belastet, welche medizinischen Abklärungen bereits erfolgt sind, wie der Schmerz Ihren Alltag beeinflusst und welche nächsten Schritte sinnvoll erscheinen.


Kontakt & Erstgespräch

Wenn Schmerzen, psychosomatische Beschwerden oder körperliche Symptome ohne ausreichende Erklärung Ihren Alltag zunehmend belasten, kann ein persönliches Erstgespräch helfen. Wir klären gemeinsam, wie sich Ihre Beschwerden auf Ihr Leben auswirken, welche Belastungen eine Rolle spielen könnten und welche nächsten Schritte sinnvoll erscheinen.

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