Wie Gehen, Spazieren oder Wandern die seelische Gesundheit unterstützen kann

Interview mit Robert Riedl, Psychotherapeut

Körper und Psyche beeinflussen einander ständig. Wer niedergeschlagen ist, bewegt sich oft anders: gebeugter, schwerer, langsamer. Umgekehrt kann Bewegung helfen, wieder etwas mehr Lebendigkeit, Klarheit und Stabilität zu erleben.

Charles Schulz, der Erfinder der „Peanuts“, hat diesen Zusammenhang humorvoll dargestellt. Charlie Brown sagt einmal sinngemäß: Wenn man deprimiert ist, sei es wichtig, stark gebeugt dazustehen. Das Verkehrteste wäre, mit erhobenem Kopf und aufrecht zu gehen.

Darin steckt eine einfache therapeutische Wahrheit: Wie wir gehen, wirkt sich darauf aus, wie es uns geht. Und wie es uns geht, zeigt sich oft darin, wie wir gehen.

Warum Gehen mehr ist als Bewegung

Gehen ist nicht nur körperliche Aktivität. Es ist auch Rhythmus, Orientierung, Atmung, Vorankommen und Kontakt mit der Umwelt. Gerade deshalb kann Gehen psychisch entlastend wirken.

Wenn Menschen belastet, erschöpft, ängstlich oder niedergeschlagen sind, geraten Körper und Psyche häufig in eine Art Stillstand oder Alarmzustand. Gedanken kreisen, der Körper spannt sich an, Schlaf wird schlechter, Entscheidungen fallen schwerer.

Ein Spaziergang kann diesen Zustand nicht einfach „wegmachen“. Aber er kann Bewegung in ein festgefahrenes inneres System bringen. Man kommt buchstäblich wieder in Gang.

Wie kann Gehen in der Psychotherapie helfen?

Psychotherapie wirkt nicht nur auf Gedanken und Gefühle. Sie kann auch körperliche Gesundheit und Selbstregulation unterstützen. Umgekehrt kann körperliche Bewegung seelische Prozesse positiv beeinflussen.

Regelmäßiges Gehen kann helfen, Stress abzubauen, Anspannung zu reduzieren, Angstzustände zu beruhigen und die Stimmung zu stabilisieren. Viele Menschen erleben bereits nach wenigen Minuten Gehen eine erste Entlastung: Der Atem wird ruhiger, der Blick weiter, Gedanken ordnen sich leichter.

Psychotherapie im Gehen nutzt diesen Doppeleffekt: therapeutisches Gespräch und körperliche Bewegung wirken zusammen. Das Gespräch bleibt psychotherapeutisch geführt, findet aber nicht im Sitzen, sondern beim Gehen im Freien statt.

Für manche Menschen ist das hilfreich, weil sie beim Gehen leichter sprechen, nachdenken oder fühlen können. Andere bevorzugen den geschützten Rahmen des Therapieraumes. Beides ist möglich. Entscheidend ist, was für die jeweilige Person und das jeweilige Anliegen passend ist.

Gehen als Symbol für Veränderung

Gehen kann auch als Bild für Psychotherapie verstanden werden. Es gibt einen Ausgangspunkt, eine Richtung, Hindernisse, Pausen, Umwege und manchmal auch neue Wege, die vorher nicht sichtbar waren.

Viele Menschen kommen in Psychotherapie, weil sie an einem Punkt stehen, an dem es so nicht weitergehen soll. Dann geht es nicht darum, sofort eine perfekte Lösung zu finden. Es geht darum, wieder einen nächsten gangbaren Schritt zu erkennen.

Therapie ist dabei kein fertiger Ratschlag von außen. Sie ist eher ein gemeinsames Suchen: Was belastet Sie? Was hält das Problem aufrecht? Was wurde bisher versucht? Welche Fähigkeiten, Beziehungen und Ressourcen können wieder zugänglich werden?

Als Psychotherapeut begleite ich diesen Prozess. Gehen kann dabei helfen, innere Bewegung auch körperlich erfahrbar zu machen.

Bei welchen Belastungen kann Gehen besonders hilfreich sein?

Viele Menschen suchen Psychotherapie wegen depressiver Verstimmungen, Erschöpfung, Angst, Panikattacken, Stress, Schlafproblemen, innerer Unruhe oder körperlichen Beschwerden ohne ausreichende organische Erklärung.

Gerade bei diesen Themen kann Gehen unterstützend wirken. Es ersetzt keine notwendige Psychotherapie oder ärztliche Behandlung, kann aber ein wichtiger Baustein sein.

Gehen kann hilfreich sein bei:

  • Stress und innerer Anspannung
  • Burnout und Erschöpfung
  • depressiven Verstimmungen
  • Ängsten und Panikreaktionen
  • Schlafproblemen
  • Grübeln und Gedankenkreisen
  • psychosomatischen Beschwerden
  • Lebenskrisen und belastenden Veränderungen
  • dem Wunsch, wieder mehr Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit zu erleben

Wichtig ist: Bewegung soll nicht zusätzlicher Druck werden. Wer erschöpft oder depressiv ist, braucht keine sportliche Leistung, sondern realistische, gut dosierte Schritte. Manchmal beginnt Veränderung mit zehn Minuten Gehen, mit einer kleinen Runde oder auch nur mit dem bewussten Entschluss, wieder etwas in Bewegung zu bringen.

Warum Depression, Stress und Bewegungsmangel zusammenhängen können

Depressive Verstimmungen gehen häufig mit Antriebslosigkeit, Müdigkeit, Rückzug, Schlafproblemen, Grübeln und einem verminderten Selbstwertgefühl einher. Gleichzeitig bewegen sich viele Betroffene weniger, weil ihnen Kraft, Motivation oder Zuversicht fehlen.

Dadurch kann ein Kreislauf entstehen: Je weniger Bewegung möglich ist, desto stärker können Erschöpfung, innere Schwere und Rückzug werden. Gehen kann helfen, diesen Kreislauf vorsichtig zu unterbrechen.

Beim Gehen werden körperliche und neurobiologische Prozesse aktiviert. Bewegung kann Stresshormone reduzieren, die Durchblutung verbessern, die Atmung vertiefen und Botenstoffe beeinflussen, die mit Stimmung, Aktivierung und Wohlbefinden zusammenhängen.

Viele Menschen merken auch psychologisch einen Unterschied: Im Gehen werden Gedanken beweglicher. Belastendes wirkt nicht mehr ganz so unbeweglich. Entscheidungen können klarer erscheinen. Der eigene Körper wird wieder als unterstützende Ressource erlebt.

Was passiert beim Spazierengehen in Körper und Psyche?

Beim Gehen wird der Kreislauf angeregt. Die Atmung verändert sich, der Sauerstoffgehalt im Blut kann steigen, Muskeln und Nervensystem kommen in Bewegung. Gleichzeitig können Stress und körperliche Anspannung nachlassen.

Auch die Wahrnehmung verändert sich. Draußen gibt es Licht, Geräusche, Gerüche, Temperatur, Wind, Boden, Bäume, Himmel, Wege. Diese Sinneseindrücke wirken nicht nur bewusst, sondern auch unbewusst. Natur kann beruhigen, ordnen und innerlich weiten.

Der Rhythmus von Schritten und Atemzügen kann stabilisierend wirken. Mit jedem Schritt entsteht Kontakt zum Boden. Man ist nicht nur im Kopf, sondern wieder mehr im Körper und in der Gegenwart.

Viele Menschen erleben deshalb, dass sie beim Spazierengehen klarer denken können. Gedanken, die im Sitzen eng und schwer wirken, werden beim Gehen manchmal leichter sortierbar.

Psychotherapie im Gehen: Wie läuft das ab?

Psychotherapie im Gehen findet nur auf Wunsch und nur dann statt, wenn sie zum Anliegen und zur aktuellen Situation passt. Nicht alle Themen eignen sich für das Gehen. Manche Gespräche brauchen den besonders geschützten Rahmen des Therapieraumes.

Das Erstgespräch findet immer in der Praxis statt. Dort klären wir gemeinsam, was Sie belastet, welche Ziele Sie haben und ob Psychotherapie im Gehen für Folgegespräche sinnvoll sein kann.

Bei der Psychotherapie im Gehen steht kein sportliches Ziel im Vordergrund. Es geht nicht um Geschwindigkeit, Leistung oder „Gipfel-Erklimmen“. Das Tempo soll so gewählt sein, dass ein ruhiges Gespräch möglich bleibt.

Die therapeutischen Gehwege in Graz werden so gewählt, dass sie einen möglichst geschützten Rahmen bieten. Die Wege sind eher ruhig, gut erreichbar und so geplant, dass am Ende der Einheit der jeweilige Startpunkt wieder erreicht wird.

Inhaltlich kann vieles stattfinden, was auch in der Praxis möglich ist: systemische Fragen, lösungsorientierte Arbeit, Arbeit mit inneren Bildern, narrative Zugänge, körperbezogene Wahrnehmung, Klärung von Beziehungsmustern und konkrete nächste Schritte.

Wichtig: Psychotherapie im Gehen ist nur für Einzeltherapie und Folgegespräche möglich. Das Erstgespräch findet in der Praxis statt.

Gehen in der Natur: Warum der äußere Weg den inneren Weg unterstützen kann

In der Natur werden Menschen oft auf andere Weise ansprechbar als in geschlossenen Räumen. Der Blick geht weiter, das Denken wird weniger eng, der Körper kann Spannung abbauen.

Durch das äußere Voranschreiten kann auch innerlich etwas in Bewegung kommen. Belastende Themen werden nicht einfach leichter, aber sie können anders betrachtet werden. Neue Perspektiven werden wahrscheinlicher, wenn man nicht nur gedanklich, sondern auch körperlich den Standort verändert.

Gehen kann dadurch helfen, wieder stärker mit eigenen Ressourcen in Kontakt zu kommen: mit Kraft, Orientierung, Ruhe, Mut, Trauer, Wut, Klarheit oder einem nächsten konkreten Schritt.

Kann man richtig oder falsch spazieren gehen?

Für die seelische Gesundheit muss Gehen nicht perfekt sein. Es soll gut machbar und nicht überfordernd sein. Wer beim Gehen Schmerzen hat, sollte körperliche Beschwerden ärztlich oder physiotherapeutisch abklären lassen und die Belastung entsprechend anpassen.

Für psychische Entlastung ist Regelmäßigkeit meist wichtiger als Intensität. Ein kurzer Spaziergang, der tatsächlich stattfindet, ist hilfreicher als ein großer Plan, der nicht umgesetzt wird.

Hilfreich kann sein:

  • in einem angenehmen Tempo gehen
  • so gehen, dass ruhiges Atmen möglich bleibt
  • klein beginnen, statt sich zu überfordern
  • regelmäßige kurze Wege nutzen
  • beim Gehen bewusst Umgebung, Atem und Körper wahrnehmen
  • mit dem Gefühl aufhören, noch weitergehen zu können

Bei Psychotherapie im Gehen ist das Tempo besonders wichtig: Man soll im Gehen sprechen können, ohne außer Atem zu kommen. Das Gespräch bleibt im Mittelpunkt.

Kann Spazierengehen Medikamente ersetzen?

Bewegung kann bei Depressionen, Angstzuständen und Stress sehr hilfreich sein. Trotzdem sollte Gehen nicht gegen Psychotherapie oder medizinische Behandlung ausgespielt werden.

Bei leichten Beschwerden kann regelmäßige Bewegung ein wichtiger Teil der Selbstfürsorge sein. Bei stärkeren oder länger anhaltenden Symptomen braucht es oft mehrere Bausteine: Psychotherapie, ärztliche Abklärung, soziale Unterstützung, Bewegung und manchmal auch medikamentöse Behandlung.

Psychopharmaka können bei bestimmten psychischen Erkrankungen sinnvoll sein. Sie beeinflussen bestimmte Stoffwechselvorgänge im Gehirn und können Symptome lindern. Über Einsatz, Wirkung, Nebenwirkungen und Dosierung entscheiden Ärztinnen und Ärzte, insbesondere Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie.

Als Psychotherapeut verschreibe ich keine Medikamente. Ich kann aber dabei unterstützen, die eigene Situation zu verstehen, innere und äußere Belastungsfaktoren zu klären und gemeinsam mit ärztlicher Unterstützung einen sinnvollen Behandlungsweg zu entwickeln.

Bei schwereren psychischen Belastungen sind oft vier Säulen wichtig: psychotherapeutische Behandlung, gegebenenfalls medikamentöse Unterstützung, tragfähige soziale Unterstützung und körperliche Aktivität.

Allein spazieren gehen: Kann das therapeutisch wirken?

Ja, Spazierengehen kann auch außerhalb einer Psychotherapie hilfreich sein. Es kann ein kleiner, konkreter Schritt sein, um wieder mehr Selbstwirksamkeit zu erleben.

Gerade bei Depression oder Erschöpfung ist es jedoch wichtig, die Schwelle niedrig zu halten. Wer sich vornimmt, sofort eine Stunde zu gehen, kann leicht scheitern und sich danach noch schlechter fühlen. Besser ist oft ein kleiner Einstieg.

Ein realistischer Anfang kann sein:

  • einmal um den Häuserblock gehen
  • zehn Minuten ohne Leistungsziel spazieren
  • eine kurze Strecke nach einem Termin zu Fuß gehen
  • eine vertraute Person um Begleitung bitten
  • nur so weit gehen, wie es heute möglich ist

Bei depressiven Zuständen erleben viele Menschen den Satz: „Ich will, aber es geht nicht.“ Genau dann ist es wichtig, nicht mit Selbstvorwürfen zu arbeiten, sondern die Aufgabe kleiner zu machen, bis sie wieder machbar wird.

Warum fragen wir eigentlich: „Wie geht es Ihnen?“

Die deutsche Sprache verbindet Gehen und Befinden auf bemerkenswerte Weise. Wenn wir fragen „Wie geht es Ihnen?“, fragen wir ursprünglich nach dem Ergehen: Wie ergeht es Ihnen? Wie steht es um Ihr Wohlergehen?

Viele Redewendungen zeigen diese Verbindung zwischen äußerer Bewegung und innerem Zustand:

  • Es geht bergauf.
  • Etwas geht gut aus.
  • Man geht ein Problem an.
  • Man geht jemandem aus dem Weg.
  • Etwas geht einem nahe.
  • Man geht durch eine schwere Zeit.
  • Eine Beziehung geht in die Brüche.
  • Man geht über seine Grenzen.
  • Man kommt wieder in Gang.

Diese Sprache ist kein Zufall. Sie zeigt, wie eng unser Erleben von Leben, Bewegung, Entwicklung und seelischer Befindlichkeit miteinander verbunden ist.


Kontakt & Erstgespräch

Wenn Stress, Erschöpfung, depressive Verstimmungen, Angst oder innere Unruhe Ihren Alltag belasten, kann ein persönliches Erstgespräch helfen. Wir klären gemeinsam, was Sie brauchen, welche nächsten Schritte sinnvoll erscheinen und ob Psychotherapie im Gehen eine passende Möglichkeit für Sie sein kann.

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