Nach einem Amoklauf: Was für Jugendliche wichtig ist
von Robert Riedl, Psychotherapeut
Ein schwerer Amoklauf ist passiert – in einer Schule, vielleicht ganz in deiner Nähe. Menschen sind gestorben, andere wurden verletzt. Vielleicht warst du selbst betroffen. Vielleicht kennst du jemanden. Vielleicht hast du alles „nur“ in den Nachrichten gesehen – und trotzdem lässt es dich nicht los.
Egal, wie nah oder fern du dem Geschehen bist: Es ist verständlich, wenn dich das beschäftigt. Nach so einem Ereignis reagieren Körper, Gefühle und Gedanken oft anders als sonst. Du musst nicht sofort funktionieren. Du musst auch nicht allein damit bleiben.
Dieser Text soll dir helfen, besser einzuordnen, was gerade in dir passieren kann, was dir jetzt helfen kann und wann es sinnvoll ist, mit jemandem zu sprechen – zum Beispiel mit Eltern, Freund:innen, Lehrpersonen, Schulpsychologie, Rat auf Draht oder in einer Psychotherapie.
1. Es ist okay, wenn du verwirrt bist
Ein Amoklauf ist ein extremes Ereignis. Es ist schockierend, schwer zu begreifen und kann sich zuerst unwirklich anfühlen – fast wie ein böser Film. Trotzdem ist es Realität. Genau das macht es so belastend.
Du musst es nicht sofort verstehen. Du musst auch nicht „richtig“ reagieren. Jeder Mensch verarbeitet Schock, Angst und Trauer anders.
Du darfst:
- traurig sein
- wütend sein
- Angst haben
- gar nichts fühlen
- viele Fragen haben
- durcheinander sein
- weinen
- schweigen
- trotz allem zwischendurch lachen
Was du fühlst, ist nicht falsch. Gefühle sind Reaktionen – keine Schwäche.
2. Was jetzt in dir passieren kann
Nach einem Schock reagiert nicht nur der Kopf. Auch der Körper kann in Alarmbereitschaft geraten. Manche Reaktionen kommen sofort, andere erst Stunden oder Tage später.
Möglich sind zum Beispiel:
- Herzklopfen, Zittern, Bauchweh oder Kopfschmerzen
- Schlafprobleme oder Albträume
- ständiges Grübeln
- das Gefühl, immer wieder an Bilder oder Nachrichten denken zu müssen
- Angst, dass so etwas wieder passiert
- Schuldgefühle, obwohl du nichts dafür kannst
- Wut auf die Welt, auf Erwachsene, auf den Täter oder auf „alle“
- Rückzug, weil du mit niemandem reden willst
- das Bedürfnis, ständig Nachrichten, Videos oder Kommentare anzusehen
- Konzentrationsprobleme in der Schule
Solche Reaktionen können nach einem belastenden Ereignis zunächst normal sein. Sie bedeuten nicht, dass mit dir etwas „nicht stimmt“. Sie zeigen, dass dein Inneres versucht, etwas sehr Schweres zu verarbeiten.
Wichtig ist aber: Wenn die Belastung stark bleibt, du nicht mehr schlafen kannst, Panik bekommst, dich selbst verletzen möchtest oder nicht mehr weiterweißt, dann brauchst du rasch Unterstützung. Das ist kein Drama. Das ist genau der Moment, in dem Hilfe wichtig ist.
3. Was dir jetzt helfen kann
Du musst jetzt nicht alles lösen. Es reicht, wenn du den nächsten guten Schritt findest. Nach einer schweren Krise helfen oft einfache, klare Dinge.
- Sprich mit jemandem, dem du vertraust. Das kann ein:e Freund:in sein, ein Elternteil, eine Lehrperson, ein:e Schulsozialarbeiter:in, eine Vertrauensperson oder Rat auf Draht.
- Sag ehrlich, wie es dir geht. Du musst nicht stark tun. Ein Satz wie „Ich merke, dass mich das nicht loslässt“ reicht.
- Mach Medienpausen. Zu viele Nachrichten, Videos, Bilder und Kommentare können dein Nervensystem überfordern.
- Teile keine Gewaltvideos oder Gerüchte. Das schützt dich und andere.
- Bleib nicht nur im Kopf. Bewegung, Musik, Zeichnen, Schreiben, Spazierengehen, Duschen oder Atmen können helfen, wieder im Körper anzukommen.
- Schreib auf, was dich beschäftigt. Gedanken aus dem Kopf aufs Papier zu bringen, kann innerlich sortieren.
- Bleib in Verbindung. Auch wenn du dich zurückziehen willst: Ein kurzer Kontakt zu einem vertrauten Menschen kann stabilisieren.
Manchmal hilft auch ein sehr einfacher Satz: „Ich muss das jetzt nicht allein schaffen.“
4. Wann du sofort Hilfe holen solltest
Bitte hole dir sofort Hilfe, wenn du merkst:
- Du willst dir etwas antun.
- Du hast Suizidgedanken.
- Du hast Angst, die Kontrolle zu verlieren.
- Du fühlst dich zuhause oder in der Schule nicht sicher.
- Du kennst jemanden, der konkrete Gewalt ankündigt.
- Du weißt von Waffen, Drohungen oder gefährlichen Plänen.
- Du kommst aus Panik, Bildern oder Albträumen gar nicht mehr heraus.
In einer akuten Gefahrensituation gilt: Ruf sofort Hilfe.
- Polizei: 133
- Rettung: 144
- Euro-Notruf: 112
- Rat auf Draht: 147 – kostenlos, anonym, rund um die Uhr
- Telefonseelsorge: 142 – kostenlos, vertraulich, rund um die Uhr
Wenn du nicht selbst anrufen kannst: Geh zu einer erwachsenen Person und sag klar: „Ich brauche jetzt Hilfe.“
5. Hilfe bekommen – auch anonym
Du musst nicht alles erklären können. Du musst auch nicht wissen, welche Hilfe genau richtig ist. Es reicht, wenn du sagst: „Mir geht es nicht gut“ oder „Ich brauche jemanden, der mir zuhört.“
- Rat auf Draht – 147
Kostenlos, anonym, rund um die Uhr für Kinder, Jugendliche und deren Bezugspersonen.
www.rataufdraht.at - Telefonseelsorge – 142
Kostenlos, vertraulich, rund um die Uhr für Menschen in Krisen.
www.telefonseelsorge.at - Schulpsychologie, Schulsozialarbeit oder Vertrauenslehrer:innen
Frag in deiner Schule nach, wer für dich da ist. - Eltern, Verwandte oder andere Erwachsene
Wenn du ihnen vertraust, sag ihnen, wie es dir wirklich geht.
6. Was Psychotherapie bringen kann
Vielleicht denkst du: „Ich bin doch nicht verrückt, ich brauche doch keine Therapie.“ Dieser Gedanke ist verständlich. Aber Psychotherapie bedeutet nicht, dass du „verrückt“ bist. Psychotherapie bedeutet: Du bekommst professionelle Unterstützung, wenn etwas zu schwer geworden ist, um es allein zu tragen.
Psychotherapie kann dir helfen:
- Gedanken und Gefühle zu sortieren
- mit Angst, Wut, Schuldgefühlen oder Traurigkeit besser umzugehen
- Albträume, innere Bilder oder starke Anspannung einzuordnen
- wieder mehr Sicherheit im Alltag zu finden
- über das Erlebte zu sprechen, ohne davon überschwemmt zu werden
- eigene Stärken und Ressourcen wieder besser zu spüren
- einen Weg zu finden, wie du mit dem Geschehenen weiterleben kannst
In einer systemischen Psychotherapie wird nicht nur gefragt: „Was ist passiert?“, sondern auch: „Wer oder was kann dich jetzt stärken? Welche Beziehungen geben Halt? Welche Gedanken helfen dir? Welche nächsten Schritte sind möglich?“
Du kannst mit deinen Eltern kommen oder – je nach Alter und Situation – auch selbst ein Gespräch vereinbaren. Ein Erstgespräch ist dafür da, in Ruhe zu klären, was du brauchst und welche Unterstützung passend ist.
7. Was du tun kannst, wenn es jemand anderem schlecht geht
Vielleicht merkst du, dass es einer Freundin, einem Freund oder jemandem aus deiner Klasse schlecht geht. Du musst diese Person nicht retten. Aber du kannst wichtig sein.
- Frag ruhig: „Wie geht es dir wirklich?“
- Höre zu, ohne sofort Ratschläge zu geben.
- Sag: „Du bist nicht allein.“
- Ermutige die Person, mit einer erwachsenen Vertrauensperson zu sprechen.
- Wenn jemand Suizidgedanken, Gewaltfantasien oder konkrete Pläne äußert: Behalte das nicht für dich. Hol sofort Erwachsene dazu.
Ein Geheimnis ist nicht wichtiger als ein Menschenleben.
8. Du darfst weiterleben
Nach einem Amoklauf kann es sich falsch anfühlen, wieder Musik zu hören, zu lachen, Sport zu machen oder etwas Schönes zu erleben. Manche bekommen sogar Schuldgefühle, wenn es ihnen zwischendurch besser geht.
Aber: Du darfst weiterleben. Du darfst traurig sein und trotzdem lachen. Du darfst betroffen sein und trotzdem Pausen brauchen. Du darfst an die Opfer denken und zugleich auf dich achten.
Heilung bedeutet nicht, dass alles vergessen wird. Es bedeutet eher, dass das Schwere einen Platz bekommt, ohne dein ganzes Leben zu übernehmen.
Wann ist ein Erstgespräch sinnvoll?
Ein Erstgespräch ist sinnvoll, wenn dich das Geschehene nicht loslässt, wenn du schlecht schläfst, starke Angst hast, dich zurückziehst, ständig grübelst oder das Gefühl bekommst, innerlich nicht mehr zur Ruhe zu kommen. Auch wenn du nicht direkt betroffen warst, kann ein solches Ereignis viel auslösen.
Ein Erstgespräch kann auch hilfreich sein, wenn du Elternteil, Lehrperson oder Bezugsperson eines Jugendlichen bist und unsicher bist, wie du unterstützen sollst. Wir klären gemeinsam, was belastet, welche nächsten Schritte sinnvoll sind und ob eine systemische Psychotherapie in meiner Praxis für die Situation passend erscheint.
Kontakt & Erstgespräch
Telefon/SMS/Signal: 0676 730 37 89
E-Mail:
Praxis: Ruckerlberggürtel 13 (2. Stock, Tür 6), 8010 Graz
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