Wie viel Alkohol ist zu viel?
Fachartikel von Robert Riedl, Psychotherapeut
Alkohol ist in Österreich stark im Alltag verankert: bei Feiern, beim Essen, nach der Arbeit, beim Fortgehen oder beim gemütlichen Abend mit Freundinnen und Freunden. Gerade weil Alkohol so selbstverständlich wirkt, wird oft spät bemerkt, wann aus Genuss Gewohnheit, aus Gewohnheit ein Risiko und aus einem Risiko eine Abhängigkeit werden kann.
Viele Menschen stellen sich irgendwann die Frage: Trinke ich noch normal – oder ist es bereits zu viel? Diese Frage ist kein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil: Sie zeigt, dass jemand beginnt, genauer auf sich selbst zu achten.
Aus psychotherapeutischer Sicht geht es dabei nicht um moralische Bewertung. Es geht darum zu verstehen, welche Funktion Alkohol im eigenen Leben erfüllt: Entspannung, Einschlafhilfe, Stressabbau, Mut, Belohnung, Ablenkung, Trost oder kurzfristige Erleichterung. Genau dort kann Psychotherapie ansetzen.
Warum Alkohol oft unterschätzt wird
Alkohol wird häufig als harmloses Genussmittel betrachtet. Er ist gesellschaftlich akzeptiert, leicht verfügbar und kulturell tief eingebunden. Gleichzeitig ist Alkohol eine psychoaktive Substanz, die Körper, Psyche, Stimmung, Schlaf, Beziehungen, Arbeitsfähigkeit und Gesundheit deutlich beeinflussen kann.
Problematisch ist: Viele Menschen vergleichen sich mit anderen. „Andere trinken doch auch.“ Oder: „Ich funktioniere ja noch.“ Solche Gedanken können beruhigen, aber sie verhindern manchmal eine ehrliche Einschätzung.
Ein hilfreicherer Zugang ist die Frage: Was verändert Alkohol in meinem Leben – und was kostet mich dieser Konsum bereits?
Risikoarmer, problematischer und abhängiger Alkoholkonsum
Alkoholkonsum lässt sich nicht nur nach der Trinkmenge beurteilen. Wichtig sind auch Häufigkeit, Anlass, Kontrollfähigkeit, körperliche Folgen, psychische Folgen und die Bedeutung, die Alkohol im Alltag bekommt.
Als risikoarmer Konsum gelten häufig folgende Orientierungswerte:
- Männer: durchschnittlich maximal etwa 24 Gramm reiner Alkohol pro Tag
- Frauen: durchschnittlich maximal etwa 16 Gramm reiner Alkohol pro Tag
- Zusätzlich: mindestens zwei alkoholfreie Tage pro Woche
Zur groben Orientierung: 24 Gramm reiner Alkohol entsprechen ungefähr 0,6 Liter Bier. 16 Gramm reiner Alkohol entsprechen ungefähr 0,4 Liter Bier. Diese Angaben sind Richtwerte und keine persönliche Unbedenklichkeitsgarantie.
Problematischer Konsum liegt näher, wenn:
- regelmäßig mehr getrunken wird als geplant
- Alkohol zur Stressbewältigung, Beruhigung oder zum Einschlafen gebraucht wird
- es schwerfällt, alkoholfreie Tage einzuhalten
- Streit, Scham, Gedächtnislücken oder Kontrollverlust auftreten
- Alkohol trotz negativer Folgen weiter konsumiert wird
- in unpassenden Situationen getrunken wird, etwa im Straßenverkehr, bei der Arbeit oder während der Schwangerschaft
Problematischer Konsum bedeutet noch nicht automatisch Alkoholabhängigkeit. Er ist aber ein ernst zu nehmendes Warnsignal.
Wann wird Alkoholkonsum zur Abhängigkeit?
Eine Alkoholabhängigkeit entwickelt sich oft schleichend. Viele Betroffene merken lange nicht, wie sehr sich der Konsum bereits verselbstständigt hat. Angehörige bemerken Veränderungen häufig früher.
Typische Hinweise auf eine Abhängigkeit können sein:
- starkes Verlangen nach Alkohol
- Schwierigkeiten, Beginn, Ende oder Menge des Trinkens zu kontrollieren
- Entzugserscheinungen wie Zittern, Schwitzen, Unruhe, Schlaflosigkeit oder Gereiztheit
- zunehmende Trinkmenge, um dieselbe Wirkung zu spüren
- Vernachlässigung anderer Interessen, Beziehungen oder Verpflichtungen
- Weitertrinken trotz körperlicher, psychischer oder sozialer Schäden
Entscheidend ist nicht nur die Menge. Entscheidend ist, ob Alkohol zunehmend die Führung übernimmt.
Warum Menschen trinken, obwohl es ihnen schadet
Von außen wirkt problematischer Alkoholkonsum oft unvernünftig. Von innen erlebt sich die betroffene Person meist anders: Alkohol hilft kurzfristig. Er dämpft Anspannung, nimmt Angst, erleichtert soziale Situationen, betäubt Scham, macht müde, tröstet oder schafft Abstand zu belastenden Gedanken.
Genau darin liegt die therapeutisch wichtige Dynamik: Alkohol ist häufig nicht nur das Problem, sondern war zunächst auch ein missglückter Lösungsversuch.
In der Psychotherapie wird deshalb nicht nur gefragt: „Wie stoppen wir das Trinken?“ Sondern auch: Wobei hilft Alkohol bisher – und welche gesünderen Möglichkeiten können diese Funktion übernehmen?
Kontrolliertes Trinken oder Abstinenz?
In der Behandlung von problematischem Alkoholkonsum gibt es unterschiedliche Zielsetzungen. Für manche Menschen kann kontrolliertes Trinken ein realistischer Schritt sein. Dabei geht es darum, Trinkmenge, Trinkhäufigkeit und Risikosituationen bewusst zu begrenzen.
Kontrolliertes Trinken kann eher dann geeignet sein, wenn keine schwere Alkoholabhängigkeit besteht, keine gefährlichen Entzugserscheinungen auftreten und eine gute Selbstbeobachtung möglich ist.
Bei schwererer Alkoholabhängigkeit, wiederholtem Kontrollverlust, starken Entzugserscheinungen oder gescheiterten Reduktionsversuchen ist Abstinenz meist der sicherere Weg. Abstinenz bedeutet: kein Alkohol. Das kann zunächst streng wirken, entlastet viele Betroffene aber, weil die ständige Verhandlung mit sich selbst wegfällt.
Welche Zielsetzung sinnvoll ist, sollte fachlich geklärt werden. Es geht nicht um Ideologie, sondern um Sicherheit, Realismus und langfristige Stabilisierung.
Wie systemische Psychotherapie helfen kann
Systemische Psychotherapie betrachtet den Alkoholkonsum nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit Lebenssituation, Beziehungen, Stress, Gewohnheiten, inneren Konflikten und bisherigen Lösungsversuchen.
Dabei kann gemeinsam untersucht werden:
- In welchen Situationen wird getrunken?
- Welche Gefühle oder Gedanken gehen dem Trinken voraus?
- Was wird durch Alkohol kurzfristig leichter?
- Welche Folgen entstehen langfristig?
- Welche Menschen sind mitbetroffen?
- Welche gesünderen Strategien könnten dieselbe entlastende Funktion übernehmen?
Ein Beispiel: Wenn jemand Alkohol vor allem zur Stressbewältigung nutzt, reicht es meist nicht, nur „weniger trinken“ zu fordern. Dann braucht es konkrete Alternativen: andere Formen der Beruhigung, bessere Grenzen, Entspannungsübungen, Bewegung, Gesprächsmöglichkeiten, Veränderungen im Alltag oder eine neue Art, mit Druck und Überforderung umzugehen.
Therapie kann helfen, den Blick zu erweitern: weg von Schuld und Scham, hin zu Verantwortung und handhabbaren nächsten Schritten.
Alkohol, Scham und Selbstwert
Viele Menschen sprechen nur schwer über ihren Alkoholkonsum. Scham ist häufig ein großes Hindernis. Man möchte nicht als schwach, undiszipliniert oder „süchtig“ gesehen werden.
Gerade diese Scham hält den Kreislauf oft aufrecht: Man trinkt, schämt sich, fühlt sich schlecht – und trinkt erneut, um dieses Gefühl nicht spüren zu müssen.
Ein gutes Erstgespräch soll deshalb nicht beschämen. Es soll klären. Sie müssen nicht perfekt vorbereitet sein und auch nicht schon alles im Griff haben. Es reicht, wenn Sie ehrlich hinschauen wollen.
Wann ein Erstgespräch sinnvoll ist
Ein psychotherapeutisches Erstgespräch kann sinnvoll sein, wenn Sie unsicher sind, ob Ihr Alkoholkonsum noch unproblematisch ist oder bereits Ihr Leben belastet.
Besonders hilfreich kann ein Erstgespräch sein, wenn:
- Sie häufiger trinken, als Ihnen lieb ist
- Sie Alkohol zum Einschlafen, Abschalten oder Beruhigen brauchen
- Sie sich nach dem Trinken schämen oder Vorwürfe machen
- Partnerin, Partner, Familie oder Freunde sich Sorgen machen
- Sie alkoholfreie Tage planen, aber nicht einhalten
- Sie bereits versucht haben zu reduzieren und es nicht gelungen ist
- Arbeit, Beziehung, Gesundheit oder Selbstwert darunter leiden
- Sie klären möchten, ob kontrolliertes Trinken oder Abstinenz sinnvoller ist
Sie müssen nicht warten, bis alles eskaliert. Je früher problematischer Konsum besprochen wird, desto größer ist meist der Handlungsspielraum.
Kontakt & Erstgespräch
Wenn Sie unsicher sind, ob Ihr Alkoholkonsum noch unproblematisch ist, kann ein persönliches Erstgespräch hilfreich sein. Wir klären gemeinsam, wie sich Ihr Konsum zeigt, welche Funktion Alkohol bisher erfüllt und welche nächsten Schritte sinnvoll erscheinen.
Auch Angehörige können ein Erstgespräch nützen, wenn sie durch den Alkoholkonsum eines nahestehenden Menschen belastet sind und Orientierung brauchen.
Telefon/SMS/Signal: 0676 730 37 89
E-Mail:
Praxis: Ruckerlberggürtel 13 (2. Stock, Tür 6), 8010 Graz
DIE HÄUFIGSTEN FRAGEN VOR DEM ERSTGESPRÄCH
