Wie gesund ist Gehen wirklich?
Fachartikel von Robert Riedl, Psychotherapeut
Gehen ist eine einfache, alltagsnahe und oft unterschätzte Form der Gesundheitsförderung. Es stärkt nicht nur den Körper, sondern kann auch die seelische Stabilität unterstützen: Stress kann nachlassen, Gedanken werden klarer, die Stimmung kann sich verbessern und der eigene Körper wird wieder als Ressource erlebt.
Gesundheit bedeutet nicht nur, nicht krank zu sein. Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Gesundheit als körperliches, psychisches und soziales Wohlbefinden. Regelmäßiges Gehen kann zu allen drei Bereichen beitragen: Es bewegt den Körper, entlastet das Nervensystem und kann helfen, wieder besser mit sich selbst und der Umwelt in Kontakt zu kommen.
Früher wurde häufig der Orientierungswert von 10.000 Schritten pro Tag genannt. Das entspricht ungefähr sechs bis sieben Kilometern. Heute ist wichtig: Auch deutlich weniger Bewegung kann bereits hilfreich sein. Jeder zusätzliche Schritt ist ein Gewinn – besonders dann, wenn man aus Erschöpfung, Stress, Angst oder depressiver Verstimmung wieder langsam in Bewegung kommen möchte.
Warum Gehen Körper und Psyche unterstützt
Gehen wirkt auf mehreren Ebenen zugleich. Der Kreislauf wird aktiviert, die Atmung verändert sich, Muskeln werden bewegt, das Nervensystem kann sich regulieren. Gleichzeitig kann sich auch innerlich etwas lösen: Gedanken kreisen weniger eng, Anspannung nimmt ab, der Blick wird weiter.
Schon regelmäßige kurze Spaziergänge können hilfreich sein. Wer an drei Tagen pro Woche etwa eine halbe Stunde geht, tut bereits etwas für seine körperliche und seelische Gesundheit. Dabei muss es nicht um sportliche Höchstleistung gehen. Ein etwas zügigeres Tempo, bei dem man leicht außer Atem kommt, kann körperlich aktivierend wirken. Bei Psychotherapie im Gehen ist dagegen ein ruhiges Tempo wichtig, bei dem ein Gespräch gut möglich bleibt.
Gerade bei Stress, Erschöpfung, innerer Unruhe, depressiven Verstimmungen oder Angst kann Gehen eine unterstützende Ressource sein. Es ersetzt keine notwendige Psychotherapie oder ärztliche Behandlung, kann aber ein sinnvoller Baustein auf dem Weg zu mehr Stabilität sein.
10 gute Gründe fürs Gehen
- Gehen stärkt Herz und Kreislauf. Es kann die Herzgesundheit unterstützen, den Blutdruck günstig beeinflussen, den Puls regulieren und zur allgemeinen Lebenserwartung beitragen.
- Gehen unterstützt den Stoffwechsel. Es kann helfen, Blutzucker, Blutfettwerte, Hormonhaushalt und Lymphfluss positiv zu beeinflussen.
- Gehen stärkt das Immunsystem. Regelmäßige Bewegung kann die körpereigenen Abwehrkräfte und Selbstregulation unterstützen.
- Gehen fördert Ausdauer und Koordination. Es verbessert Gleichgewicht, Beweglichkeit, Konzentration, Sauerstoffaufnahme und kann die Lunge unterstützen.
- Gehen kräftigt Muskeln, Knochen und Gelenke. Es kann Muskulatur und Knochendichte fördern, Gelenke belastbarer machen und Rücken sowie Bandscheiben entlasten.
- Gehen hilft dem Körper beim Regulieren. Es regt den Stoffwechsel an, unterstützt Verdauung und Ausscheidung und kann beim Umgang mit Gewicht und Heißhunger hilfreich sein.
- Gehen baut Spannung ab. Es kann Stress und Müdigkeit verringern, die Ausschüttung von Botenstoffen wie Endorphinen und Serotonin anregen und bei depressiver Verstimmung oder Angst unterstützend wirken.
- Gehen kann die Augengesundheit unterstützen. Regelmäßige körperliche Aktivität wird mit geringeren Risiken für bestimmte Erkrankungen in Verbindung gebracht.
- Gehen kann das Gehirn schützen. Bewegung gilt als wichtiger Faktor für geistige Aktivität und kann helfen, das Risiko kognitiver Einschränkungen im Alter zu senken.
- Gehen kann das allgemeine Krankheitsrisiko reduzieren. Regelmäßige Bewegung wird mit einem geringeren Risiko für mehrere chronische Erkrankungen in Verbindung gebracht.
Bewegungsmangel als Belastungsfaktor
Viele Menschen bewegen sich heute deutlich weniger als früher. Arbeit, Alltag und Freizeit finden oft im Sitzen statt. Wege werden mit dem Auto, öffentlichen Verkehrsmitteln oder digital ersetzt. Dadurch wird der Körper weniger aktiviert, obwohl er auf Bewegung angelegt ist.
Körperliche Untätigkeit kann langfristig körperliche Erkrankungen begünstigen. Auch psychisch kann Bewegungsmangel eine Rolle spielen: Bei Stress, Depressionen, Angst und Erschöpfung ziehen sich viele Menschen zurück und bewegen sich weniger. Dadurch kann ein Kreislauf entstehen, in dem Antriebslosigkeit, Müdigkeit und Rückzug weiter zunehmen.
Gehen kann helfen, diesen Kreislauf vorsichtig zu unterbrechen. Wichtig ist dabei nicht Perfektion, sondern Machbarkeit. Für manche Menschen ist eine kleine Runde um den Häuserblock bereits ein wichtiger Anfang.
Gehen im Freien, im Wald oder auf dem Laufband
Gesundheitsfördernd kann Gehen sowohl im Freien als auch auf dem Laufband sein. Entscheidend ist, dass Bewegung regelmäßig möglich wird und zum eigenen Körper passt.
Gehen in der Natur hat jedoch eine besondere Qualität. Grün, Licht, frische Luft, Geräusche, Gerüche und natürliche Rhythmen können beruhigend wirken. Viele Menschen erleben einen Waldspaziergang als seelisch ordnend: Der Körper kommt in Bewegung, während das Nervensystem zur Ruhe kommen kann.
In der Natur werden Sinneseindrücke anders verarbeitet als in künstlichen Umgebungen. Das kann helfen, aus Gedankenkreisen auszusteigen, sich stärker zu erden und wieder mehr Kontakt zum eigenen Körper zu finden.
Bergauf, bergab, Treppen oder Ebene
Gehen kann auf unterschiedliche Weise wirken. In der Ebene ist es meist gleichmäßig und gut dosierbar. Bergaufgehen oder Treppensteigen fordert Herz, Kreislauf, Atmung und Muskulatur stärker. Bergabgehen trainiert besonders die Beinmuskulatur, kann aber Knie und Hüfte stärker belasten.
Wer körperliche Beschwerden hat, sollte das Gehen an die eigene Belastbarkeit anpassen. Schmerzen sind ein wichtiges Signal. Sie können auf Überlastung, Fehlbelastung oder körperliche Einschränkungen hinweisen. Bei anhaltenden Beschwerden ist eine medizinische oder physiotherapeutische Abklärung sinnvoll.
Für die seelische Gesundheit muss Gehen nicht anstrengend sein. Ein regelmäßiger, gut machbarer Spaziergang ist oft wertvoller als ein überambitioniertes Bewegungsprogramm, das nach kurzer Zeit wieder aufgegeben wird.
Gehen und Psychotherapie
Psychotherapie im Gehen verbindet das therapeutische Gespräch mit Bewegung im Freien. Dabei geht es nicht um Sport, Leistung oder möglichst viele Schritte. Im Mittelpunkt bleibt das therapeutische Anliegen.
Das Gehen kann helfen, Gedanken zu ordnen, Gefühle wahrzunehmen, Stress abzubauen und neue Perspektiven zu entwickeln. Manche Menschen sprechen im Gehen leichter über belastende Themen als im Sitzen. Andere bevorzugen den geschützten Raum der Praxis. Beides ist möglich.
Psychotherapie im Gehen ist besonders dann sinnvoll, wenn Bewegung als Ressource erlebt wird und wenn das Thema gut in einem geschützten äußeren Rahmen besprochen werden kann.
Wichtig: Psychotherapie im Gehen ist nur für Einzeltherapie und Folgegespräche möglich. Das Erstgespräch findet in der Praxis statt.
Wie lange sollte man gehen?
Es gibt nicht die eine perfekte Schrittzahl für alle Menschen. 10.000 Schritte pro Tag können ein hilfreicher Orientierungswert sein, sind aber nicht für jede Lebenssituation realistisch. Bei Erschöpfung, Depression, Angst, Krankheit oder hoher Belastung kann es sinnvoller sein, klein zu beginnen.
Ein guter Einstieg kann sein:
- 10 Minuten langsam gehen
- einmal um den Häuserblock gehen
- eine kurze Strecke bewusst zu Fuß erledigen
- zwei- bis dreimal pro Woche eine kleine Runde einplanen
- später Dauer oder Häufigkeit vorsichtig steigern
Der wichtigste Maßstab ist nicht eine Zahl, sondern die Frage: Was ist heute realistisch, hilfreich und nicht überfordernd?
Kontakt & Erstgespräch
Wenn Stress, Erschöpfung, depressive Verstimmungen, Angst oder innere Unruhe Ihren Alltag belasten, kann ein persönliches Erstgespräch helfen. Wir klären gemeinsam, was Sie brauchen, welche nächsten Schritte sinnvoll erscheinen und ob Psychotherapie im Gehen eine passende Möglichkeit für Sie sein kann.
Telefon/SMS/Signal: 0676 730 37 89
E-Mail:
Praxis: Ruckerlberggürtel 13 (2. Stock, Tür 6), 8010 Graz
DIE HÄUFIGSTEN FRAGEN VOR DEM ERSTGESPRÄCH
