Sucht und Abhängigkeiten: Alkohol, Rauchen, Shoppen, Spielen, Kiffen
Fachartikel von Robert Riedl, Psychotherapeut
Alkohol und Nikotin gehören für viele Menschen zur österreichischen Alltags- und Genusskultur. Problematisch wird der Konsum dann, wenn er nicht mehr frei steuerbar ist, gesundheitliche oder soziale Folgen entstehen und Betroffene trotzdem nicht gut davon lassen können.
Sucht betrifft nicht nur Alkohol, Nikotin, Cannabis, Medikamente oder andere Substanzen. Auch Verhalten kann abhängig machen – etwa Spielen, Shoppen, Arbeiten, Essen, Hungern, Sexualität oder digitale Medien. Entscheidend ist nicht nur was jemand konsumiert oder tut, sondern welche Funktion dieses Verhalten im Leben bekommt.
Viele Betroffene erleben einen inneren Widerspruch: Ein Teil von ihnen weiß, dass der Konsum oder das Verhalten schadet. Ein anderer Teil greift trotzdem wieder danach – zur Beruhigung, zum Abschalten, gegen Einsamkeit, Stress, Scham, innere Leere oder Überforderung.
Psychotherapie kann helfen, diesen Kreislauf besser zu verstehen, neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln und einen nächsten realistischen Schritt zu finden – ohne Beschämung und ohne moralischen Druck.
Was bedeutet Sucht?
Der Begriff „Sucht“ hat sprachlich nicht mit suchen zu tun, sondern wird mit „siechen“ in Verbindung gebracht – also mit Leiden und Kranksein. Das ist wichtig: Sucht ist keine Charakterschwäche. Sucht ist ein ernst zu nehmendes seelisches, körperliches und soziales Problem.
Nach der Weltgesundheitsorganisation kann eine Abhängigkeitserkrankung vorliegen, wenn mehrere typische Merkmale über eine gewisse Zeit bestehen.
Häufige Merkmale von Abhängigkeit sind:
- ein starker Wunsch oder innerer Zwang zu konsumieren
- verminderte Kontrolle über Beginn, Ende oder Menge des Konsums
- körperliche oder psychische Entzugserscheinungen bei Reduktion oder Beendigung
- Toleranzentwicklung, also das Bedürfnis nach höheren Mengen, um dieselbe Wirkung zu spüren
- Vernachlässigung anderer Interessen, Beziehungen oder Verpflichtungen zugunsten des Konsums
- anhaltender Konsum trotz eindeutig schädlicher Folgen
Nicht jedes problematische Verhalten ist sofort eine Abhängigkeit. Aber wenn Kontrolle, Freiheit und Lebensqualität zunehmend verloren gehen, ist es sinnvoll, Unterstützung zu suchen.
Warum entsteht Abhängigkeit?
Hinter Abhängigkeiten stehen häufig unerfüllte Bedürfnisse, Überforderung, innere Anspannung, ungelöste Konflikte, Einsamkeit, Scham, Angst, Depression, Trauma oder ein dauerhaftes Gefühl von innerer Leere.
Viele Menschen konsumieren anfangs nicht, um sich zu zerstören. Sie konsumieren, weil etwas kurzfristig hilft: Alkohol beruhigt, Nikotin strukturiert Pausen, Cannabis entspannt, Kaufen tröstet, Spielen lenkt ab, Essen beruhigt, Arbeit gibt Wertgefühl.
Das Problem entsteht, wenn die kurzfristige Entlastung langfristig immer mehr Schaden anrichtet. Dann wird aus einer vermeintlichen Lösung ein neues Problem.
Therapeutisch geht es deshalb nicht nur um die Frage: „Wie höre ich auf?“ Sondern auch um die Frage: Wofür brauche ich dieses Verhalten bisher – und was kann an seine Stelle treten?
Alkohol: Genuss, Risiko und Abhängigkeit
Alkohol ist gesellschaftlich stark akzeptiert. Gerade deshalb wird problematischer Alkoholkonsum oft lange übersehen oder verharmlost. Nicht jeder Mensch, der Alkohol trinkt, wird abhängig. Aber Alkohol kann körperlich, psychisch und sozial erheblich schaden.
Viele Betroffene erleben Alkohol zunächst als Entlastung: als „Sanitäter in der Not“, als Beruhigung, Mutmacher, Einschlafhilfe, Stresslöser oder Flucht aus belastenden Gefühlen. Gleichzeitig kann Alkohol genau das verstärken, was man eigentlich lindern wollte: Schlafprobleme, depressive Verstimmung, Gereiztheit, Ängste, Konflikte, Scham und Kontrollverlust.
Besonders belastend ist oft die Verleugnung. Betroffene sehen das Ausmaß des Problems manchmal nicht oder erst sehr spät. Angehörige spüren die Folgen häufig früher: Unsicherheit, Streit, Enttäuschung, Misstrauen, Angst, Hilflosigkeit und Überforderung.
Cannabis, Kiffen und psychische Abhängigkeit
Cannabis ist eine der am häufigsten konsumierten illegalen bzw. regulierten Substanzen. Es wird auch als Gras, Marihuana, Haschisch, Weed oder Kiffen bezeichnet. Der psychoaktive Wirkstoff THC beeinflusst Wahrnehmung, Denken, Stimmung und Gefühlsleben.
Viele Menschen konsumieren Cannabis, um abzuschalten, zu entspannen, zu „chillen“ oder innerlich Abstand zu gewinnen. Bei regelmäßigem oder längerem Konsum kann jedoch eine psychische Abhängigkeit entstehen. Manche Betroffene erleben dann Antriebslosigkeit, Rückzug, Konzentrationsprobleme, innere Unruhe, Schlafprobleme oder das Gefühl, ohne Cannabis nicht mehr gut zur Ruhe zu kommen.
Bei stärkerer Cannabisabhängigkeit, psychotischen Symptomen, schwerer Depression, Angstzuständen oder Kontrollverlust ist eine fachärztliche, psychotherapeutische oder suchtmedizinische Abklärung sinnvoll. Je nach Schwere kann auch eine ambulante oder stationäre Begleitung notwendig sein.
Substanzungebundene Süchte: Spielen, Shoppen, Arbeit, Essen
Nicht nur Substanzen können abhängig machen. Auch Verhalten kann einen suchtartigen Charakter bekommen. Dazu gehören zum Beispiel Glücksspiel, Computerspiele, Kaufen, Arbeit, Essen, Hungern, Sex oder exzessive Internetnutzung.
Auch hier steht häufig ein wiederkehrender Kreislauf im Vordergrund:
- innere Anspannung oder unangenehme Gefühle
- starker Drang nach Entlastung
- kurzfristige Beruhigung durch das Verhalten
- danach Scham, Schuld, finanzielle Probleme, Streit oder Selbstabwertung
- erneute Anspannung – und damit neuer Drang
Psychotherapie kann helfen, diesen Kreislauf verständlicher zu machen und konkrete Unterbrechungen zu entwickeln.
Warum Angehörige mitbetroffen sind
Sucht betrifft selten nur die betroffene Person. Partnerinnen und Partner, Kinder, Eltern, Freundinnen, Freunde und Arbeitskollegen sind oft mitbelastet.
Angehörige versuchen häufig zu helfen, zu kontrollieren, zu entschuldigen, zu retten oder zu verhindern, dass alles schlimmer wird. Dadurch geraten sie selbst in Erschöpfung, Hilflosigkeit oder dauernde Alarmbereitschaft.
Deshalb kann Beratung oder Psychotherapie auch für Angehörige sinnvoll sein. Es geht nicht darum, Schuld zu verteilen. Es geht darum, wieder klarer zu erkennen: Was liegt in meiner Verantwortung? Was nicht? Wo brauche ich Grenzen? Wo brauche ich Unterstützung?
Kontrollierter Konsum oder Abstinenz?
Bei manchen Formen problematischen Konsums kann es ein realistisches Ziel sein, den Konsum deutlich zu reduzieren oder besser zu kontrollieren – etwa im Rahmen von kontrolliertem Trinken.
Bei schwererer Alkoholabhängigkeit oder ausgeprägtem Kontrollverlust ist eine abstinenzorientierte Behandlung oft der sicherere Weg. Das Rückfallrisiko ist dann meist geringer, wenn klar entschieden wird: Ich konsumiere nicht.
Welche Zielsetzung sinnvoll ist, hängt von mehreren Faktoren ab: Schwere der Abhängigkeit, körperliche Entzugsrisiken, bisherige Rückfälle, soziale Situation, psychische Begleiterkrankungen und persönliche Motivation.
In der Therapie wird daher nicht vorschnell eine Einheitslösung übergestülpt. Zuerst muss verstanden werden, wie der Konsum entstanden ist, welche Funktion er erfüllt und welche Form von Hilfe jetzt realistisch ist.
Entzug, Medikamente und ärztliche Begleitung
Bei körperlicher Abhängigkeit – besonders bei Alkohol, bestimmten Medikamenten oder anderen Substanzen – kann ein Entzug medizinisch riskant sein. Deshalb sollte eine Reduktion oder ein Absetzen nicht leichtfertig und nicht ohne fachliche Abklärung erfolgen.
Manchmal ist eine ärztliche oder stationäre Unterstützung notwendig. Medikamente können in bestimmten Fällen helfen, Entzugserscheinungen zu behandeln, Rückfälle zu verhindern oder das Verlangen zu reduzieren. Dazu gehören je nach Situation unterschiedliche ärztlich verordnete Medikamente. Die Entscheidung darüber liegt bei Ärztinnen und Ärzten, insbesondere bei Fachärztinnen und Fachärzten für Psychiatrie oder Suchtmedizin.
Psychotherapie ersetzt keinen medizinisch notwendigen Entzug. Sie kann aber wesentlich dabei helfen, die psychischen, sozialen und persönlichen Muster hinter der Abhängigkeit zu verstehen und nachhaltig zu verändern.
Sucht und Zwänge: nicht dasselbe, aber manchmal ähnlich
Sucht und Zwang können sich ähnlich anfühlen, sind aber nicht identisch. Bei Zwängen erleben Menschen einen starken inneren Druck, bestimmte Gedanken oder Handlungen wiederholen zu müssen – etwa Kontrollieren, Waschen, Ordnen oder Grübeln.
Auch hier wissen Betroffene häufig, dass das Verhalten übertrieben oder nicht hilfreich ist. Trotzdem fühlt es sich innerlich notwendig an. Der Alltag wird dadurch enger, unfreier und anstrengender.
Psychotherapie kann auch bei Zwängen helfen, neue Reaktionsmöglichkeiten aufzubauen. Eine wichtige therapeutische Frage lautet: Was kann ich anstelle des bisherigen Verhaltens tun?
Wie Psychotherapie bei Sucht helfen kann
Psychotherapie bei Sucht arbeitet nicht mit Beschämung. Beschämung verschlimmert meist den Kreislauf. Hilfreicher ist ein klarer, ehrlicher und zugleich respektvoller Blick auf das eigene Verhalten.
In der Therapie kann es unter anderem um folgende Themen gehen:
- Verstehen der persönlichen Konsumgeschichte
- Erkennen von Auslösern, Risikosituationen und Rückfallmustern
- Umgang mit Suchtdruck und Verlangen
- Aufbau alternativer Formen von Beruhigung, Entlastung und Selbstregulation
- Stärkung von Selbstwert und Selbstverantwortung
- Bearbeitung von Scham, Schuld, Angst, Depression oder Trauma
- Klärung von Beziehungen, Konflikten und Grenzen
- Entwicklung eines Rückfallplans
- Einbindung ärztlicher, suchtmedizinischer oder stationärer Hilfe, wenn notwendig
Ein wichtiger therapeutischer Schritt ist, wieder zwischen dem Menschen und dem Suchtverhalten zu unterscheiden. Sie sind nicht Ihre Sucht. Aber Sie brauchen einen ehrlichen Umgang mit dem, was die Sucht in Ihrem Leben bewirkt.
Kontakt & Erstgespräch
Wenn Alkohol, Rauchen, Kiffen, Spielen, Shoppen oder ein anderes Verhalten zunehmend Ihr Leben bestimmt, kann ein persönliches Erstgespräch helfen. Wir klären gemeinsam, wie sich die Abhängigkeit zeigt, welche Funktion sie bisher erfüllt und welche nächsten Schritte sinnvoll sind.
Auch Angehörige können ein Erstgespräch nützen, wenn sie unter der Suchterkrankung eines nahestehenden Menschen leiden und Orientierung brauchen.
Telefon/SMS/Signal: 0676 730 37 89
E-Mail:
Praxis: Ruckerlberggürtel 13 (2. Stock, Tür 6), 8010 Graz
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