Wie der Spaziergang in der Psychotherapie zum Einsatz kommt
von Robert Riedl, Psychotherapeut
Spazierengehen wirkt oft unscheinbar. Man geht los, setzt einen Schritt vor den anderen, kommt in Bewegung – und merkt manchmal erst nach einiger Zeit, dass auch die Gedanken klarer werden.
Während der Corona-Zeit wurde der Spaziergang für viele Menschen zu einer wichtigen Möglichkeit, aus den eigenen vier Wänden herauszukommen, Abstand zu gewinnen, andere Menschen auf sichere Weise zu treffen oder den Tag überhaupt zu strukturieren.
In der Psychotherapie kann Gehen mehr sein als Bewegung. Ein therapeutisches Gespräch im Gehen kann helfen, innere Anspannung abzubauen, Gedanken zu ordnen und belastende Themen mit etwas mehr Abstand zu betrachten.
Warum Spazierengehen mehr ist als nur Gehen
Ein Spaziergang ist nicht nur eine körperliche Tätigkeit. Beim Gehen verändert sich oft auch der innere Zustand: Der Atem kommt in einen Rhythmus, der Blick weitet sich, der Körper wird aktiver, und festgefahrene Gedanken geraten leichter in Bewegung.
Viele Menschen kennen diese Erfahrung aus dem Alltag: Ein Problem wirkt im Sitzen schwerer, enger und unübersichtlicher. Beim Gehen entstehen manchmal neue Gedanken, andere Blickwinkel oder ein erster nächster Schritt.
Dass Spazierengehen sogar wissenschaftlich betrachtet wird, zeigt die sogenannte Promenadologie. Sie beschäftigt sich damit, wie Menschen Räume wahrnehmen, wie sich der Blick auf die Welt beim Gehen verändert und welche Bedeutung Wege, Umgebung und Bewegung für unser Erleben haben können.
Wie der Spaziergang in der Psychotherapie eingesetzt werden kann
Psychotherapie im Gehen verbindet das therapeutische Gespräch mit der körperlichen Bewegung im Freien. Dabei geht es nicht um sportliche Leistung. Es geht um einen geschützten therapeutischen Rahmen, in dem Gespräch, Bewegung, Wahrnehmung und Umgebung zusammenwirken können.
Manche Menschen empfinden es als entlastend, nicht ausschließlich im Sitzen zu sprechen. Gerade bei Stress, Erschöpfung, innerer Unruhe, depressiven Verstimmungen, Grübeln oder Lebenskrisen kann das Gehen helfen, Abstand zu gewinnen und wieder mehr Orientierung zu finden.
Im Gehen kann es leichter werden, über schwierige Themen zu sprechen. Der direkte Blickkontakt ist weniger dauerhaft, der Körper ist in Bewegung, und viele Betroffene erleben das Gespräch als natürlicher und weniger angespannt.
Ausschnitte aus der ORF-Sendung „Thema“ vom 12.4.2021
Der folgende Ausschnitt aus der ORF-Sendung „Thema“ zeigt, wie der Spaziergang und die Bewegung im Freien im Zusammenhang mit psychischer Gesundheit und Psychotherapie betrachtet werden können.
Psychotherapie im Gehen: Gespräch und Bewegung verbinden
Bei Psychotherapie im Gehen wird das therapeutische Gespräch in einen natürlichen Bewegungsraum verlegt. Der äußere Weg kann dabei helfen, auch innerlich wieder etwas in Bewegung zu bringen.
Das kann besonders hilfreich sein, wenn Belastungen sehr kreisend erlebt werden: immer dieselben Gedanken, dieselben Sorgen, dieselben inneren Schleifen. Bewegung kann solche Schleifen nicht einfach auflösen, aber sie kann helfen, wieder einen anderen Zugang zu sich selbst zu finden.
Als systemischer Psychotherapeut betrachte ich dabei nicht nur einzelne Symptome, sondern auch Beziehungen, Lebensumstände, innere Muster und konkrete Handlungsmöglichkeiten. Beim Gehen kann dieser Blick oft praktischer, unmittelbarer und körpernäher werden.
Für wen kann Psychotherapie im Gehen hilfreich sein?
Psychotherapie im Gehen kann für Menschen passend sein, die Bewegung als entlastend erleben oder die merken, dass sie im Sitzen schwer zur Ruhe kommen.
Sinnvoll kann sie zum Beispiel sein bei:
- Stress und innerer Anspannung
- Burnout und Erschöpfung
- depressiven Verstimmungen
- Grübeln und Gedankenkreisen
- Lebenskrisen und belastenden Veränderungen
- Angst und innerer Unruhe
- dem Wunsch, wieder mehr in Kontakt mit Körper und Umgebung zu kommen
Wichtig ist: Psychotherapie im Gehen ist keine sportliche Einheit und kein Spaziergang unter Freunden. Es bleibt Psychotherapie – mit fachlichem Rahmen, Verschwiegenheit, therapeutischer Verantwortung und einem klaren Auftrag.
Wann Psychotherapie im Gehen nicht passend ist
Nicht jede Situation eignet sich für ein therapeutisches Gespräch im Freien. Bei sehr akuten Krisen, starker Instabilität, schwerer körperlicher Erschöpfung, massiven Ängsten im öffentlichen Raum oder medizinischen Einschränkungen kann ein Gespräch in der Praxis sinnvoller sein.
Auch das Erstgespräch findet in der Praxis statt. Dort kann in Ruhe geklärt werden, worum es geht, welche Form von Psychotherapie passend ist und ob Psychotherapie im Gehen für Ihre Situation geeignet erscheint.
Wichtig: Psychotherapie im Gehen ist nur für Einzeltherapie und Folgegespräche möglich. Das Erstgespräch findet in der Praxis statt.
Was einen guten therapeutischen Spaziergang ausmacht
Ein guter therapeutischer Spaziergang braucht mehr als einen schönen Weg. Entscheidend sind ein geschützter Rahmen, Vertraulichkeit, ausreichend Ruhe und eine Route, auf der persönliche Themen besprochen werden können, ohne ständig unterbrochen zu werden.
Der Weg sollte nicht zu anstrengend sein. Es geht nicht um Leistung, Geschwindigkeit oder Fitness. Das Tempo richtet sich nach dem Gespräch, nach der Belastung und nach dem, was im Moment möglich ist.
Therapeutisch hilfreich ist ein Gehen, das weder überfordert noch ablenkt. Der Körper darf mitgehen, ohne dass das Gespräch verloren geht.
Wann ein Erstgespräch sinnvoll sein kann
Ein Erstgespräch kann sinnvoll sein, wenn Sie merken, dass Stress, Erschöpfung, Grübeln, depressive Verstimmungen, Angst oder eine Lebenskrise Ihren Alltag zunehmend belasten.
Sie müssen noch nicht wissen, ob Psychotherapie im Gehen für Sie passend ist. Im Erstgespräch klären wir gemeinsam, was Sie belastet, welche Form der Unterstützung sinnvoll erscheint und ob Gespräche in der Praxis oder im Gehen besser geeignet sind.
Oft ist der erste wichtige Schritt nicht, sofort eine Lösung zu haben. Der erste Schritt ist, nicht länger allein mit der Belastung zu bleiben.
Kontakt & Erstgespräch
Wenn Sie überlegen, ob Psychotherapie im Gehen für Sie passend sein könnte, kann ein persönliches Erstgespräch helfen. Wir klären gemeinsam, was Sie belastet, welche nächsten Schritte sinnvoll erscheinen und ob Folgegespräche im Gehen für Ihre Situation geeignet sind.
Telefon/SMS/Signal: 0676 730 37 89
E-Mail:
Praxis: Ruckerlberggürtel 13 (2. Stock, Tür 6), 8010 Graz
DIE HÄUFIGSTEN FRAGEN VOR DEM ERSTGESPRÄCH
