Was haben Psychotherapie, Fußball und Literatur gemeinsam?

von Robert Riedl, Psychotherapeut

Psychotherapie, Fußball und Literatur haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam. Bei genauerem Hinsehen geht es aber in allen drei Bereichen um Wahrnehmung, Sprache, Ziele, Zusammenspiel und Veränderung. Man beobachtet, was geschieht. Man versucht Muster zu erkennen. Man sucht nach neuen Spielzügen. Und manchmal braucht es eine andere Perspektive, damit wieder Bewegung möglich wird.

In der systemischen Psychotherapie ist Selbstreflexion eine zentrale Fähigkeit: Man lernt, das eigene Erleben, Denken, Fühlen und Handeln bewusster wahrzunehmen. Dadurch kann klarer werden, welche inneren und äußeren Muster belasten – und welche Möglichkeiten es gibt, anders damit umzugehen.

Selbstreflexion: von der Seitenlinie auf das eigene Spielfeld schauen

Selbstreflexion bedeutet, einen Schritt zurückzutreten und sich selbst besser beobachten zu können. Viele Menschen kommen in Psychotherapie, weil sie mitten in einem belastenden „Spielgeschehen“ stehen: Konflikte, Erschöpfung, Angst, depressive Gedanken, Beziehungsschwierigkeiten, Entscheidungsdruck oder das Gefühl, immer wieder in ähnliche Muster zu geraten.

Systemische Psychotherapie lädt Klientinnen und Klienten auf eine Art Tribüne dialogischer Selbstreflexion ein. Von dort aus kann man das eigene innere und äußere Geschehen genauer betrachten: Welche Rollen übernehme ich? Welche Spielzüge wiederholen sich? Wo verliere ich Energie? Welche Ziele sind mir wirklich wichtig? Und was könnte ein nächster sinnvoller Schritt sein?

Wie im Fußball hilft auch in der Psychotherapie eine bessere Beobachtungsposition. Wer nur im Spielfeld der eigenen Belastung steht, sieht oft keine Alternativen mehr. Erst aus einer gewissen Distanz werden Muster, Wechselwirkungen und Handlungsmöglichkeiten erkennbar.

Ohne Ziele bleibt jedes Spiel unklar

Weder im Fußball noch in der Psychotherapie kommt man weit, wenn man nicht weiß, wo die Tore stehen. In der Therapie bedeutet das: Zu Beginn ist wichtig zu klären, worum es eigentlich gehen soll.

Therapieziele können sehr unterschiedlich sein. Manche Menschen möchten mit Depressionen, Burnout, Ängsten oder innerer Unruhe besser umgehen. Andere möchten Beziehungskonflikte verstehen, alte Verletzungen bearbeiten, mehr Selbstwert entwickeln oder eine wichtige Entscheidung treffen. Wieder andere merken nur: „So wie bisher geht es nicht weiter.“ Auch das kann ein ausreichender Ausgangspunkt für ein Erstgespräch sein.

In meiner Arbeit frage ich daher häufig: Woran würden Sie merken, dass die Therapie für Sie hilfreich war? Diese Frage ist keine Prüfung. Sie hilft, Richtung zu gewinnen. Ein Ziel muss am Anfang nicht perfekt formuliert sein. Oft entsteht Klarheit erst im Gespräch.

Psychotherapie als Arbeit an inneren Spielzügen

Im Verlauf einer Psychotherapie werden überholte Gedanken- und Gefühlsarchitekturen sichtbar. Manche inneren Muster wurden früher gebraucht, passen aber heute nicht mehr. Manche Überzeugungen haben einmal geschützt, engen inzwischen aber ein. Manche Reaktionen entstehen so schnell und automatisch, dass man sich ihnen ausgeliefert fühlt.

Therapie kann helfen, solche Muster nicht nur zu erkennen, sondern auch neue Umgangsweisen zu entwickeln. Dabei geht es nicht darum, einen Menschen „fertigzustellen“, als wäre er ein Bauprojekt. Entscheidend ist auch der Prozess selbst: das Nachdenken, Ausprobieren, Scheitern, Sortieren, Verstehen und Neu-Beginnen.

Der Schutt, der bei innerer Veränderungsarbeit anfällt, ist nicht sinnlos. Er zeigt, dass etwas in Bewegung gekommen ist. Manchmal müssen alte Konstruktionen erst sichtbar werden, bevor sie verändert werden können.

Warum Sprache in der Psychotherapie so wichtig ist

Hier kommt die Literatur ins Spiel. Schriftstellerinnen und Schriftsteller arbeiten mit Sprache, Bildern, Bedeutungen und Perspektiven. Auch Psychotherapie arbeitet mit Sprache – aber nicht nur, um über Probleme zu sprechen. Sprache kann klären, unterscheiden, entlasten und neue Wirklichkeit ermöglichen.

Wie ein Schriftsteller tritt auch der Psychotherapeut in gewisser Weise als Übersetzer zwischen verschiedenen Sprachwelten auf: zwischen Körper und Psyche, zwischen innerem Erleben und äußerem Verhalten, zwischen persönlicher Geschichte und gegenwärtigem Alltag, zwischen Beziehungsmustern und individuellen Bedürfnissen.

Viele seelische Belastungen zeigen sich zunächst nicht in klaren Sätzen. Sie zeigen sich als Druck im Bauch, Schlaflosigkeit, Gereiztheit, Rückzug, Erschöpfung, Angst, Grübeln, innere Leere oder körperliche Anspannung. In der Therapie wird versucht, für dieses Erleben eine verständliche Sprache zu finden.

Wörter können Macht haben – und durch Verstehen an Macht verlieren

Die in Graz lebende Schriftstellerin Nava Ebrahimi gewann 2021 den Ingeborg-Bachmann-Preis. In ihrem Roman Sechzehn Wörter beschreibt sie eindrücklich, wie Wörter Macht über einen Menschen bekommen können – und wie ein Wort durch Übersetzung seine Bedrohlichkeit verlieren kann.

Dieser Gedanke passt gut zur Psychotherapie. Auch innere Wörter und Sätze können Macht entwickeln:

  • „Ich bin nicht gut genug.“
  • „Ich muss funktionieren.“
  • „Ich darf niemandem zur Last fallen.“
  • „Ich schaffe das sowieso nicht.“
  • „Wenn ich Nein sage, werde ich abgelehnt.“

Solche Sätze wirken oft wie innere Gegner. Sie treten nicht immer bewusst auf, beeinflussen aber Gefühle, Körperreaktionen, Entscheidungen und Beziehungen. Psychotherapie kann helfen, diese inneren Sätze zu erkennen, zu übersetzen und zu prüfen: Woher kommen sie? Wem dienen sie? Sind sie heute noch wahr? Welche hilfreichere Formulierung wäre möglich?

Manchmal verliert ein belastender Gedanke bereits dann an Macht, wenn er ausgesprochen, verstanden und in einen größeren Zusammenhang gestellt wird. Das ist keine Zauberei. Es ist sorgfältige therapeutische Arbeit an Bedeutung, Beziehung und Selbstwahrnehmung.

Systemische Psychotherapie: das Ganze sehen

Systemische Psychotherapie betrachtet Menschen nicht isoliert. Sie fragt nach Zusammenhängen: Wie wirken Familie, Partnerschaft, Arbeit, Körper, Lebensgeschichte, Erwartungen, soziale Rollen und eigene Werte zusammen?

Ein Problem ist selten nur „im Kopf“. Es entsteht und wirkt meist in einem Lebenskontext. Deshalb geht es in der Therapie nicht nur darum, Symptome zu reduzieren, sondern auch darum, Beziehungen, Muster und Wechselwirkungen besser zu verstehen.

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Ein Mensch ist nicht nur seine Angst, nicht nur seine Depression, nicht nur seine Beziehungskrise und nicht nur seine Vergangenheit. Psychotherapie kann helfen, wieder mehr vom ganzen Menschen sichtbar zu machen: Fähigkeiten, Wünsche, Grenzen, Verletzungen, Ressourcen, Sehnsüchte und nächste Schritte.

Was Psychotherapie, Fußball und Literatur verbindet

Fußball zeigt, dass Orientierung, Zusammenspiel, Übung und Zielklarheit wichtig sind. Literatur zeigt, wie Sprache Wirklichkeit erschließen und verändern kann. Psychotherapie verbindet beides: Sie hilft, das eigene Lebensspiel besser zu verstehen und neue Worte, Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten zu finden.

Manchmal braucht es dafür keine große Theorie, sondern ein ruhiges Gespräch, in dem jemand hilft, genauer hinzuschauen. Wo stehe ich gerade? Was wiederholt sich? Was möchte ich nicht länger mitspielen? Welche Fähigkeiten brauche ich? Welche Sprache fehlt mir noch für das, was in mir geschieht?

Ein Erstgespräch kann ein erster Schritt sein, um genau diese Fragen zu klären.

Wann ist ein Erstgespräch sinnvoll?

Ein Erstgespräch ist sinnvoll, wenn Sie merken, dass Sie in belastenden Gedanken, Gefühlen oder Beziehungsmustern feststecken und alleine nicht gut weiterkommen. Gerade wenn Sie das Gefühl haben, immer wieder dieselben inneren „Spielzüge“ zu wiederholen, kann Psychotherapie helfen, Abstand zu gewinnen und neue Perspektiven zu entwickeln.

Auch wenn Ihr Anliegen noch unklar ist, kann ein Erstgespräch hilfreich sein. Wir klären gemeinsam, was Sie belastet, welche Ziele für Sie wichtig sind und ob eine systemische Psychotherapie in meiner Praxis in Graz für Ihre Situation sinnvoll erscheint.


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Wenn Sie unsicher sind, welche Therapiemethode oder welcher therapeutische Rahmen für Sie passend ist, kann ein Erstgespräch helfen. Wir klären gemeinsam Ihr Anliegen, Ihre Erwartungen und ob eine systemische Psychotherapie in meiner Praxis für Ihre Situation sinnvoll erscheint.

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