Familienaufstellungen und Ich-Aufstellungen in der Psychotherapie
von Robert Riedl, Psychotherapeut
Eine therapeutische Aufstellung kann helfen, innere Bilder, Beziehungsmuster und wiederkehrende Konflikte sichtbarer zu machen. Viele Menschen kommen mit belastenden Fragen in Therapie: Warum reagiere ich in bestimmten Situationen immer ähnlich? Warum fühle ich mich in meiner Familie, Partnerschaft oder im Beruf festgefahren? Warum gelingt mir ein nächster Schritt nicht, obwohl ich ihn mir wünsche?
Familienaufstellungen und Ich-Aufstellungen sind Möglichkeiten, solche Dynamiken nicht nur zu besprechen, sondern räumlich darzustellen. Dadurch kann sichtbar werden, wie jemand sich selbst, andere Menschen, Konflikte, Erwartungen oder innere Anteile erlebt.
Wichtig ist: Eine Aufstellung zeigt nicht „die Wahrheit“ über eine Familie oder eine Person. Sie zeigt ein inneres Erleben. Genau dieses innere Bild kann in der Psychotherapie wertvoll sein, weil es hilft, Abstand zu gewinnen, Muster zu erkennen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Was ist eine therapeutische Aufstellung?
Bei einer therapeutischen Aufstellung wird ein Anliegen räumlich dargestellt. Dabei können Personen, Figuren, Stühle, Symbole oder Positionen im Raum verwendet werden.
Das Ziel ist nicht, Schuldige zu finden. Es geht darum, Beziehungen, Spannungen, innere Konflikte oder bisher unklare Zusammenhänge besser zu verstehen.
Typische Anliegen können sein:
- belastende Familiendynamiken
- Konflikte mit Eltern, Kindern, Partnerin oder Partner
- Autoritätsprobleme, zum Beispiel mit Vorgesetzten
- Schwierigkeiten mit Nähe, Abgrenzung oder Zugehörigkeit
- Angst, allein zu sein
- Eifersucht, Wut, Scham oder Schuldgefühle
- psychosomatische Beschwerden
- Entscheidungskonflikte
- innere Blockaden oder wiederkehrende Lebensmuster
Eine Aufstellung kann besonders hilfreich sein, wenn ein Thema gedanklich schon oft durchdacht wurde, sich aber trotzdem innerlich nichts verändert. Dann kann die räumliche Darstellung eine neue Perspektive ermöglichen.
Familienaufstellungen: innere Bilder von Familie sichtbar machen
In Familienaufstellungen geht es darum, soziale Dynamiken und persönliche Verstrickungen innerhalb einer Familie besser zu erkennen. Dabei können sowohl die Herkunftsfamilie als auch die Gegenwartsfamilie betrachtet werden.
Viele Menschen tragen ein inneres Bild ihrer Familie in sich: Wer steht wem nahe? Wer fehlt? Wer hat viel Macht? Wer fühlt sich verantwortlich? Wer bleibt außen vor? Wo gibt es unausgesprochene Erwartungen oder alte Verletzungen?
Eine Aufstellung kann helfen, diese inneren Bilder sichtbar zu machen. Dadurch wird oft klarer, welche Rollen, Loyalitäten, Spannungen oder Abgrenzungsprobleme eine Person belasten.
Wie läuft eine Familienaufstellung ab?
Zu Beginn beschreibt die Klientin oder der Klient das Anliegen. Manchmal ist es leicht, das Thema in einem Satz zu formulieren. Manchmal ist es noch unklar. Dann hilft das therapeutische Gespräch dabei, das Anliegen zu schärfen.
Danach wird überlegt, welche Personen oder Elemente für die Aufstellung wichtig sind. Das können zum Beispiel Eltern, Geschwister, Partnerin oder Partner, Kinder, frühere Beziehungen, ein Symptom, ein Konflikt oder ein Ziel sein.
Je nach Setting kann mit realen Stellvertreterinnen und Stellvertretern, mit Stühlen, Symbolen oder einem Familienbrett gearbeitet werden. Beim Familienbrett werden kleine Figuren verwendet, die stellvertretend für Personen oder Aspekte des Systems stehen.
Der entscheidende Punkt ist: Die Klientin oder der Klient kann das eigene innere Bild von außen betrachten. Dadurch entsteht Abstand. Man sieht nicht mehr nur aus der gewohnten Perspektive auf das Problem, sondern erkennt eher Zusammenhänge, Positionen und mögliche neue Bewegungen.
Aufstellungen in der Einzeltherapie
Aufstellungsarbeit ist nicht nur in Gruppen möglich. Auch in einer psychotherapeutischen Einzelsitzung kann mit Aufstellungen gearbeitet werden.
Dabei können Figuren, Gegenstände, Stühle oder Positionen im Raum verwendet werden. Gerade in der Einzeltherapie kann das sehr hilfreich sein, weil der Rahmen ruhig, geschützt und persönlich bleibt.
Ein Beispiel: Eine Person erlebt immer wieder Angst, wenn sie allein ist. In der Aufstellung könnten dann verschiedene Elemente sichtbar gemacht werden: das Ich, die Angst, eine wichtige Bezugsperson, das Bedürfnis nach Sicherheit, das Bedürfnis nach Freiheit oder ein möglicher nächster Schritt.
So kann aus einem diffusen inneren Druck ein besser verstehbares Bild entstehen.
Ich-Aufstellungen: innere Anteile besser verstehen
Bei der sogenannten Ich-Aufstellung – auch als Autopoietische Verkörperungsarbeit bezeichnet – steht nicht primär die Familie im Mittelpunkt, sondern das eigene innere System.
Häufig wird mit drei Repräsentanzen gearbeitet:
- Das Ich: jener Teil, der Entscheidungen trifft, Verantwortung übernimmt und handlungsfähig werden möchte.
- Der innere Mentor: jener Teil, der für intuitive Orientierung, Erfahrung, innere Weisheit oder Lösungsideen stehen kann.
- Der Schatten: jener Teil, der das Problem, den Konflikt, Schmerz, Eifersucht, Wut, Angst oder eine andere belastende Dynamik repräsentiert.
Diese Form der Aufstellung kann helfen, innere Gegensätze besser zu verstehen: Ein Teil möchte Veränderung, ein anderer hält fest. Ein Teil will Nähe, ein anderer schützt sich durch Rückzug. Ein Teil ist wütend, ein anderer schämt sich dafür.
In der Therapie geht es dann darum, diese inneren Seiten nicht gegeneinander kämpfen zu lassen, sondern sie besser zu verstehen und in eine hilfreichere innere Ordnung zu bringen.
Wofür können Ich-Aufstellungen hilfreich sein?
Ich-Aufstellungen können besonders hilfreich sein, wenn Menschen innerlich hin- und hergerissen sind oder sich selbst schwer verstehen.
Mögliche Themen sind:
- Entscheidungskonflikte
- Selbstzweifel
- innere Blockaden
- wiederkehrende Beziehungsmuster
- Wut, Eifersucht, Scham oder Schuldgefühle
- Angst oder Rückzug
- Konflikte mit Kindern, Eltern oder Partnern
- psychosomatische Beschwerden
- das Gefühl, sich selbst im Weg zu stehen
Die Aufstellung ersetzt dabei nicht das therapeutische Gespräch. Sie ergänzt es. Manchmal wird sichtbar, was sprachlich schwer zu fassen ist.
Was Aufstellungen leisten können – und was nicht
Therapeutische Aufstellungen können helfen, innere Bilder, Beziehungsmuster und emotionale Dynamiken sichtbar zu machen. Sie können neue Perspektiven eröffnen und Veränderung anregen.
Sie sollten aber nicht als Methode verstanden werden, die automatisch objektive Wahrheiten über Familien, frühere Generationen oder andere Menschen aufdeckt. Seriös eingesetzt bleibt eine Aufstellung eine Arbeit mit subjektivem Erleben, Deutungen, Hypothesen und möglichen neuen Sichtweisen.
In meiner psychotherapeutischen Arbeit ist deshalb wichtig:
- Die Klientin oder der Klient bleibt selbst Expertin bzw. Experte für das eigene Erleben.
- Deutungen werden nicht aufgezwungen.
- Es wird sorgfältig und achtsam gearbeitet.
- Belastende Themen werden nicht dramatisiert.
- Das Ziel ist mehr Klarheit, nicht mehr Verunsicherung.
Systemische Sichtweise: Der Mensch im Beziehungskontext
Familienaufstellungen passen gut zur systemischen Psychotherapie, weil systemisches Arbeiten den Menschen nicht isoliert betrachtet. Beschwerden, Konflikte und Belastungen entstehen häufig im Zusammenhang mit Beziehungen, Rollen, Erwartungen, Loyalitäten und Lebensumständen.
Das bedeutet nicht, dass „die Familie schuld“ ist. Es bedeutet: Menschen entwickeln sich in Beziehungen. Und oft können auch Lösungen besser gefunden werden, wenn Beziehungen, Muster und Kontexte mitbetrachtet werden.
Gerade bei familiären Konflikten, Beziehungskrisen, Eltern-Kind-Themen oder inneren Loyalitätskonflikten kann dieser Blick entlastend sein. Man versteht besser, warum etwas so hartnäckig wirkt – und wo ein nächster Schritt möglich sein könnte.
Wann ein Erstgespräch sinnvoll sein kann
Ein Erstgespräch kann sinnvoll sein, wenn Sie spüren, dass Sie in bestimmten Familien-, Beziehungs- oder Lebensmustern feststecken. Sie müssen dafür nicht genau wissen, ob eine Aufstellung für Sie passend ist.
Im Erstgespräch klären wir zuerst Ihr Anliegen: Was belastet Sie? Was wiederholt sich? Was möchten Sie besser verstehen? Welche Form der therapeutischen Arbeit könnte hilfreich sein?
Manchmal ist eine Aufstellung passend. Manchmal ist ein anderes therapeutisches Vorgehen sinnvoller. Entscheidend ist nicht die Methode an sich, sondern ob sie Ihnen hilft, Ihre Situation klarer zu sehen und wieder handlungsfähiger zu werden.
Kontakt & Erstgespräch
Wenn Sie familiäre Verstrickungen, innere Konflikte, Beziehungsmuster oder wiederkehrende Belastungen besser verstehen möchten, kann ein persönliches Erstgespräch hilfreich sein. Wir klären gemeinsam, ob eine Aufstellung, ein Systembrett oder eine andere Form psychotherapeutischer Arbeit für Ihr Anliegen passend ist.
Telefon/SMS/Signal: 0676 730 37 89
E-Mail:
Praxis: Ruckerlberggürtel 13 (2. Stock, Tür 6), 8010 Graz
DIE HÄUFIGSTEN FRAGEN VOR DEM ERSTGESPRÄCH
