Was haben Psychotherapeuten und Hebammen gemeinsam?

Fachartikel von Robert Riedl

Im Ablauf einer menschlichen Geburt unterscheidet man – wie beim sogenannten Übergangsritual – drei Phasen, die sich in Dauer und Intensität sehr individuell gestalten können: (1) Eröffnungsphase – die Wehen werden stärker und der Muttermund beginnt sich zu dehnen, bis sich der Kopf des Babys in die optimale Geburtsposition dreht; (2) Übergangsphase – der sogenannte Geburtsreflex ("birth eject") wird ausgelöst und der Muttermund öffnet sich bis etwa zehn Zentimeter; (3) Austreibungsphase – der Säugling kommt zur Welt, nimmt seinen ersten Atemzug und wird schließlich abgenabelt. Die Profession der Hebamme erfüllt dabei – genauso wie der Beruf eines Psychotherapeuten – eine rituelle-mythologische Rolle, da sie auch einen Lebensübergang begleitet.

Bei einer sogenannten Wassergeburt kommt es wortwörtlich zu einem Hinübergleiten vom inneren "Umweltsystem" der Mutter ins äußere Umweltsystem der "Mutter Erde"; und dennoch: es ist ein archaisch-natürlicher Übergang universeller Vitalität in einen völlig neuen Lebensabschnitt bzw. eine "Heldenreise" spätestens von der ersten Wehe bis zum Erblicken der erleuchteten Welt, in der Mutter und Säugling alles riskieren müssen, um mehr Lebendigkeit erfahren zu können. Nachdem etwa meine neugeborene Tochter aus dem warmen Wasser der Geburtswanne auftauchte, gab sie bloß einen sanften Ton von sich, bevor dieser kleine vollständige Mensch völlig selbstverständlich zu atmen begann (weder Geschrei noch ein Klapps waren notwendig, um den lebensnotwendigen Stoffwechselvorgang des Ein- und Ausatmens zu starten).

Eine bilogische Geburt erscheint als kosmischer Kraftakt: wunderbar und "schrecklich" zugleich (wie unter anderem in der Bibel das Göttliche mehrfach beschrieben wird – herrlich sowie furchteinflößend, faszinierend aber auch bedrohlich). Aber immer bleibt das Zur-Welt-Kommen eines "neuen Erdenbürgers" eingebunden in den Zauber des Lebenswunders, in die Magie der Lebendigkeit, in die Selbstverständlichkeit der Liebe. Jedenfalls leitet eine Niederkunft große Lebensveränderungen ein, die Mutter und Vater aber vor allen das Baby betreffen.

Dem Strukturschema der Übergangsrituale folgend, spezifiziert Arnold Retzer die Aufgaben des Psychotherapeuten im psychotherapeutischen Übergangsritual als:

  • Erzeugung von Unterschieden im Ablösungsritual
  • Balancierung der Unterschiede im Schwellenritual
  • Einladung zur Unterlassung von bisher Vollzogenem oder zum Vollzug von bisher Unterlassenem im Wiederangliederungsritual

Anschaulich führt der deutsche Psychiater und Psychotherapeut die Unterscheidung zwischen gebärenden und entbindenden Schamanen ein: während gebärende Schamanen (wie Prediger) Lösungen anbieten, bringen entbindende Schamanen (wie Sokrates mit seiner "Hebammenkunst des Fragens") durch die Art und Weise, wie sie sich zu anderen Personen in Bezug setzen, aus ihnen etwas hervor, was in ihnen "vorhanden" ist. Wie ein Psychotherapeut stellen sie kommunikative Verfahrensweisen zur Verfügung, mit deren Hilfe quasi im übertragenen Sinn "Geburten" stattfinden können.

Selbstverständlich darf eine Psychotherapie keine Transformation des Klienten erzwingen, denn es kommt im psychotherapeutischen Übergangsritual nur in den seltensten Fällen zu einer "kompletten Generalüberholung".




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