Was haben Psychotherapeuten und Hebammen gemeinsam?

von Robert Riedl, Psychotherapeut

Psychotherapie begleitet Menschen häufig in Übergängen: wenn etwas Altes nicht mehr trägt, aber das Neue noch nicht klar greifbar ist. In solchen Phasen fühlen sich viele Menschen verunsichert, erschöpft, verletzt oder innerlich festgefahren. Genau hier kann Psychotherapie hilfreich sein: nicht, indem sie jemandem fertige Lösungen überstülpt, sondern indem sie einen geschützten Raum schafft, in dem eigene Antworten, Ressourcen und nächste Schritte entstehen können.

In diesem Sinn gibt es eine interessante Verbindung zwischen Psychotherapeut:innen und Hebammen: Beide begleiten einen Prozess, der nicht von außen erzwungen werden kann. Eine Hebamme bringt das Kind nicht selbst zur Welt. Sie unterstützt, schützt, beruhigt, orientiert und begleitet. Ähnlich stellt Psychotherapie einen Rahmen bereit, in dem innere Entwicklung, Klärung und Veränderung möglich werden können.

Psychotherapie als Begleitung von Übergängen

Im Ablauf einer menschlichen Geburt unterscheidet man – ähnlich wie bei einem Übergangsritual – mehrere Phasen. Diese Phasen können in Dauer und Intensität sehr unterschiedlich verlaufen:

  1. Eröffnungsphase: Die Wehen werden stärker, der Muttermund beginnt sich zu dehnen, und das Baby dreht sich schrittweise in eine günstige Geburtsposition.
  2. Übergangsphase: Der Geburtsreflex wird ausgelöst, und der Muttermund öffnet sich vollständig.
  3. Austreibungsphase: Das Kind kommt zur Welt, nimmt seinen ersten Atemzug und wird schließlich abgenabelt.

Eine Geburt ist ein grundlegender Lebensübergang. Auch Psychotherapie begleitet häufig solche Übergänge: von Überforderung zu mehr Orientierung, von innerer Erstarrung zu mehr Bewegung, von alten Mustern zu neuen Handlungsmöglichkeiten, von Verzweiflung zu ersten tragfähigen Perspektiven.

Damit ist Psychotherapie kein magischer Akt und keine plötzliche „Generalüberholung“. Sie ist ein fachlich geleiteter Prozess, in dem sich Menschen mit ihrem Erleben, ihren Beziehungen, ihren Belastungen und ihren Möglichkeiten auseinandersetzen können.

Geburt als Bild für Veränderung

Bei einer Wassergeburt lässt sich der Übergang besonders eindrücklich sehen: Das Kind gleitet aus dem inneren Umweltsystem der Mutter in das äußere Umweltsystem der Welt. Es beginnt ein völlig neuer Lebensabschnitt.

Ein solcher Übergang ist archaisch, natürlich und zugleich gewaltig. Geburt ist wunderbar und herausfordernd zugleich. Sie steht für Lebendigkeit, Verletzlichkeit, Risiko, Kraft und Neubeginn. Mutter und Kind sind in diesem Prozess nicht „Zuschauer“, sondern unmittelbar beteiligt.

Auch in einer Psychotherapie geht es oft um einen Übergang in einen neuen Lebensabschnitt. Menschen kommen nicht selten dann in Therapie, wenn bisherige Bewältigungsstrategien nicht mehr ausreichen: bei Depressionen, Burnout, Ängsten, Beziehungskrisen, Verlusten, traumatischen Erfahrungen, Erschöpfung oder innerer Orientierungslosigkeit.

Dann kann Therapie helfen, das eigene Erleben nicht länger nur auszuhalten, sondern besser zu verstehen. Was bisher diffus, überwältigend oder beschämend war, kann im Gespräch eine Form bekommen. Und was eine Form bekommt, kann eher bearbeitet werden.

Was bedeutet ein psychotherapeutisches Übergangsritual?

Der Psychiater und Psychotherapeut Arnold Retzer beschreibt Psychotherapie sinngemäß als eine Form von Übergangsritual. Dabei können drei Aufgaben unterschieden werden:

  • Unterschiede erzeugen: Im ersten Schritt wird sichtbar, was bisher war, was belastet und wodurch sich das Problem aufrechterhält.
  • Unterschiede balancieren: In einer Zwischenphase wird Neues vorsichtig erkundet, ohne das Alte vorschnell abzuwerten oder zu zerstören.
  • Neue Handlungsmöglichkeiten einladen: Am Ende kann etwas bisher Vollzogenes unterlassen oder etwas bisher Unterlassenes erstmals gewagt werden.

Therapeutisch bedeutet das: Menschen werden nicht gedrängt, „anders“ zu werden. Vielmehr entsteht ein Raum, in dem Unterschiede erkennbar werden. Wo bisher nur ein Problem war, können Zusammenhänge sichtbar werden. Wo bisher nur Druck war, können Wahlmöglichkeiten entstehen.

Der Unterschied zwischen fertigen Lösungen und hilfreichen Fragen

Retzer unterscheidet anschaulich zwischen gebärenden und entbindenden Schamanen. Gebärende Schamanen – etwa Prediger, Gurus oder Ratgeber mit fertigen Antworten – bieten Lösungen von außen an. Sie sagen, was richtig ist, was zu tun ist oder wie das Leben verstanden werden soll.

Entbindende Schamanen arbeiten anders. Sie bringen nicht ihre eigene Lösung hervor, sondern helfen einem Menschen, etwas aus sich selbst heraus zu entwickeln. Sokrates sprach in diesem Zusammenhang von der „Hebammenkunst des Fragens“: Durch geeignete Fragen kann etwas sichtbar werden, das im Menschen bereits angelegt ist, aber noch nicht klar benannt oder genutzt werden konnte.

Das ist ein gutes Bild für Psychotherapie. Als Psychotherapeut stelle ich keine fertige Lebenslösung bereit. Ich stelle einen professionellen Gesprächsrahmen, fachliche Erfahrung, therapeutische Methoden und hilfreiche Fragen zur Verfügung. Die eigentliche Entwicklung geschieht beim Menschen selbst.

Warum Psychotherapie keine Veränderung erzwingen darf

Eine Psychotherapie darf keine Transformation erzwingen. Sie darf Menschen nicht überreden, nicht beschämen und nicht in eine bestimmte Richtung drängen. Gerade Menschen, die belastet, verletzt oder erschöpft sind, brauchen keinen zusätzlichen Druck.

Hilfreiche Psychotherapie achtet auf Tempo, Sicherheit und Passung. Sie fragt:

  • Was ist gerade wirklich belastend?
  • Was soll sich verändern?
  • Was darf bleiben?
  • Welche bisherigen Lösungsversuche haben geholfen – und welche nicht?
  • Welche inneren und äußeren Ressourcen sind vorhanden?
  • Welche nächsten Schritte sind realistisch?

Manchmal geht es in der Therapie um große Lebensentscheidungen. Manchmal um kleine, aber entscheidende Veränderungen im Alltag: besser Grenzen setzen, weniger grübeln, Gefühle klarer benennen, Konflikte anders führen, Trauer zulassen, Erschöpfung ernst nehmen oder wieder Zugang zu eigenen Bedürfnissen finden.

Psychotherapie als geschützter Raum für innere Entwicklung

Menschen beginnen eine Psychotherapie meist nicht, weil sie „schwach“ sind. Sie beginnen, weil sie merken, dass sie mit bestimmten Belastungen nicht mehr gut alleine zurechtkommen. Das ist kein Scheitern. Es ist ein ernstzunehmender Schritt in Richtung Selbstklärung und Verantwortung.

In einer systemischen Psychotherapie wird der Mensch nicht isoliert betrachtet. Es geht auch um Beziehungen, Lebensumstände, Rollen, Erwartungen, familiäre Muster, berufliche Belastungen und innere Konflikte. Dadurch kann verständlicher werden, warum bestimmte Symptome, Gefühle oder Verhaltensweisen entstanden sind und welche Funktion sie möglicherweise haben.

Psychotherapie kann helfen, wieder mehr Handlungsspielraum zu erleben. Nicht alles lässt sich sofort lösen. Aber vieles lässt sich besser verstehen, einordnen und Schritt für Schritt anders gestalten.

Was haben Psychotherapeut und Hebamme also gemeinsam?

Beide begleiten einen Prozess, in dem etwas Neues entstehen kann. Beide wissen, dass dieser Prozess nicht beliebig beschleunigt werden darf. Beide arbeiten mit Vertrauen, Aufmerksamkeit, Erfahrung und der Fähigkeit, in schwierigen Momenten ruhig zu bleiben.

Die Hebamme begleitet eine körperliche Geburt. Psychotherapie begleitet keine Geburt im biologischen Sinn, aber manchmal eine innere Neuordnung: ein neues Selbstverständnis, eine neue Haltung, eine neue Entscheidung, einen neuen Umgang mit sich selbst und anderen.

Der entscheidende Punkt bleibt: Der Mensch selbst macht den Entwicklungsschritt. Psychotherapie kann dabei unterstützen, diesen Schritt bewusster, sicherer und weniger allein zu gehen.


Wann ist ein Erstgespräch sinnvoll?

Ein Erstgespräch ist sinnvoll, wenn Sie spüren, dass Sie an einem Übergang stehen: etwas in Ihrem Leben verändert sich, belastet Sie oder lässt sich mit bisherigen Strategien nicht mehr gut bewältigen. Das kann bei Erschöpfung, Depressionen, Ängsten, Lebenskrisen, Beziehungskonflikten, Trauer, innerer Orientierungslosigkeit oder dem Wunsch nach persönlicher Entwicklung der Fall sein.

Gerade wenn Sie unsicher sind, ob Psychotherapie für Ihr Anliegen „schon passend“ ist, kann ein Erstgespräch entlastend sein. Wir klären gemeinsam, worum es geht, welche Ziele Ihnen wichtig sind und welcher therapeutische Rahmen für Sie sinnvoll erscheint.

Kontakt & Erstgespräch

Wenn Sie unsicher sind, welche Therapiemethode oder welcher therapeutische Rahmen für Sie passend ist, kann ein Erstgespräch helfen. Wir klären gemeinsam Ihr Anliegen, Ihre Erwartungen und ob eine systemische Psychotherapie in meiner Praxis für Ihre Situation sinnvoll erscheint.

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